Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 6 (August/September 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 189 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6 189 starrt waren. Und der Drang nach lebensvoller Wirklichkeit trieb die Juden aus dem Ghetto. Nun wurde das, was in normalen Fällen nationale Erhebung geworden wäre, nationale Flucht. Ihnen galt das Judentum als etwas Vergangenes, das Leben war in der Fremde. Wir jungen Juden sind überzeugt, daß das Judentum wieder lebensstark geworden ist und streben darnach, das neue Judentum zu fördern und zu pflegen. Das neue Judentum kann aber nur werden in Verbindung mit der Natur, dem Leben, mit krafterfüllter Wirklichkeit. Als das deutsche Volk aus drängender Not vor hundert Jahren zu neuem Leben erstarkte, standen in den ersten Reihen der Erwecker die deutschen Turner unter ihrem Turnvater Jahn; und als das tschechische Volk begann, aus einem wirren, unbeachteten Haufen von Bauern und Kleinbürgern ein politische und kulturelle Nation zu werden, waren es die Sokolvereine, die die nationale Idee erfolgreich propagierten. Noch heute findet der panslavistische Gedanke seinen imposantesten Ausdruck in den großen Sokolkongressen, die die Slaven aller Weltteile vereinigen und in der tschechischen Bevölkerung stets einen unbeschreiblichen Enthusiasmus erzielten. Die Turn- und Sportvereine standen an der Wiege jeder nationalen Erhebung, in ihnen war die Jugend organisiert und damit der radikalste, stürmischste Flügel. Diese Einsicht drang in den jüdisch-nationalen Kreisen Oesterreichs nur langsam durch, obwohl gerade wir hier vor Augen haben, was es bedeutet, wenn ein Volk über eine in Mut und Disziplin gestählte Jugend verfügt. Denken wir daran, welch Kampfobjekt, welch wertvolle Position der Sport z. B1. bei den slavischen Völkern Oesterreichs im Kampfe um ihre •nternationale Anerkennung spielt, wie der Sieg eines tschechischen Athleten oder Fußballklubs in der Fremde nicht bloß als ein beliebiger Einzelfall, sondern als ein Triumph tschechischen Nationalgeistes empfunden wird. Das Silt heute vielen Juden für unverständlich, nebensächlich, grotesk. Sie versessen eben, was im tiefsten Kerne jeder nationalen Erhebung liegt, die stürmische Bejahung der zu gestaltenden Welt der Sinne, das Anklammern an die kräftigen Formen und Farben des Volksdaseins. Schauturnen, sportliche Veranstaltungen mit einer begeisterten, des nationalen Wertes bewußten Volksmenge sind kraftvoller Ausdruck neuen Volksgefühles. Ein Volksfest in Rechoboth ist sinnlich greifbares Judentum, und ich möchte den Juden sehen, dem bei Anblick strammer jüdischer Turner nicht das Herz höher schlägt. Vielleicht und hoffentlich wird gerade das in Wien anläßlich des Kongresses stattfindende Turn- und Sportfest manchen eines besseren belehren, und man wird erkennen müssen — so sehr man darüber auch gelächelt haben mag, — das blau-weißer Dreß, hebräische Kommandorufe, das Singen jüdischer Lieder ■hren eigenen, gefühlsbetonten Wert haben. Es liegt mir fern, einen statistischen Bericht über die heutigen Verhältnisse im jüdischen Turn- und Sportbetriebe Oesterreichs zu geben. Ich kann und will nur den allgemeinen Eindruck schildern. Die stärkste Position hat sich die jüdische Turnbewegung in Wien errungen. Seit dem Jahre 1900 besteht dort der I. Wiener Jüdische Turnverein, der größte Oesterreichs, dem sich noch die jüdischen Turnvereine rünfhaus, Ottakring, Massada, Favoriten u. a. anreihen, eine immerhin statt- »che Zahl, besonders, wenn man bedenkt, daß der Turnbetrieb in allen diesen Vereinen sehr rege ist; aber im Verhältnis zu der großen Wiener jüdischen evölkerung noch immer eine kleine Gruppe. Seit drei Jahren besteht in Wien auch ein jüdisch-nationaler Sportklub „Hakoah", der die blau-weißen arben mit Ehren verficht, und dessen Fußballabteilung insbesondere schöne Resultate erzielte. Die Hakoah verfügt über drei Fußballmannschaften, die €m Niederösterreichischen Bezirk des österreichischen Fußballverbandes