Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 6 (August/September 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 180 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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180 No. 6 wisse Erbeigenschaften einer Generation in der folgenden im Durchschnitt zu- oder abnehmen. Geistige und körperliche Leistungsfähigkeit und sanitäre Widerstandskraft muß aber trotz gleicher äußerer Entwicklungsbedingungen durchschnittlich besser bezw. schlechter als in den früheren Generationen sein. Diese Definition gibt uns allein eine klare Fragestellung, und sie soll uns bei der Betrachtung des Problems als Leitmotiv dienen. Sehr viel schwieriger als die Definition von Rassesteigerung und Entartung ist die Feststellung im Konkreten, ob bei einer Rasse eine Steigerung oder Minderung ihrer Anlagen stattfindet. Hat man z. B. festgestellt, daß bestimmte geistige oder körperliche Eigenschaften sich gebessert oder verschlechtert haben, so ist kaum mit Sicherheit zu entscheiden, wie weit diese Veränderungen durch Verschlechterungen oder Vervollkommnungen der Erbsubstanz bedingt sind, oder ob und wie weit sie nur den äußeren Entwicklungsbedingungen ihre Entstehung verdanken. So bestünde z. B. ein Rückgang der gesundheitlichen Erbanlagen, wenn bei gleichbleibenden äußeren Lebensbedingungen die Krankheits- und Sterbeziffer in einem mehrere Generationen umfassenden Zeitraum sich erheblich vermehrt hätte. Mit Recht ist darauf hinzuweisen, daß diese Frage statistisch kaum zu lösen ist. Man pflegt Z. B. die Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit bei den europäischen Kulturvölkern als Beweis von Rassebesserung anzuführen. Und dabei scheint es, als ob diese Verringerung nur durch Besserung der äußeren Lebensbedingungen verursacht würde]. Ebenso falsch ist es, die festgestellte Zunahme der durchschnittlichen Körpergröße als Beweis für Rassebesserung zu betrachten. Wir wissen, daß gerade die Körpergröße das Resultat des günstigen bezw. ungünstigen Milieus ist. So sind die westeuropäischen Juden durchschnittlich größer als die Ostjuden. Die Körpergröße nimmt in Ländern größeren Wohlstandes zu. Nichts wäre irriger, als aus der Durchschnittszunahme der Körpergröße eine Aenderung in den Erbanlagen zu folgern. Wie sollten auch die so rasch zustande kommen! Wenn nun auch die äußeren Lebensbedingungen nur eine sekundäre Bedeutung für die Frage der Rassenhebung haben, so sind diese doch nicht gering zu veranschlagen. Sie schaffen die Vorbedingungen zur Ueberwindung degenerativer Tendenzen. Es habe jemand z. B. die Disposition zur Tuberkulose, so wird er in einem ungünstigen Milieu leichter von ihr befallen werden als in einem günstigen. Er hat also als Individuum Vorteile durch eine günstige Umgebung, aber als Teil des Rassekörpers repräsentiert er doch eine Verschlechterung desselben. Denn seine Disposition vererbt er weiter. Sollte einer seiner Nachkommen wieder in ungünstige Lebensbedingungen geraten, so würde die latente Anlage erneut manifest werden. Diese Tatsache wird aber den realen Verhältnissen nur zum Teil gerecht. Wollte man daraufhin die rassenethische Forderung stellen, derartig disponierte Individuen dürften trotz günstigen Milieus keine Nachkommenschaft haben, so würde darin eine Ueberspannung der Eugenik liegen. Man vernachlässigt dabei, daß der zur Krankheit Disponierte durch eine Verbindung mit einem völlig gesunden Individuum die krankhafte Disposition bei seinen Nachkommen verringern kann. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie schwer die praktische Ausführung volkshygienischer Forderungen ist. Die Disposition können wir verringern, aber nicht beseitigen. Das Milieu kann uns diese Leistung erleichtern, mehr Bedeutung ist ihm nicht beizumessen. Die landläufige Anschauung, daß Milieu und Uebung zu einer körperlichen Regeneration führen können, ist irrig. Beide Momente spielen gerade für die jüdische Rasse eine bedeutsame Rolle, doch wäre es verfehlt, auf sie den entscheidenden Wert zu legen. Sagt doch Nietzsche in bezug auf ungünstige Lebensbedingungen das Wort: „Was mich nicht umbringt,