Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 6 (August/September 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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178 No. 6 Wenn der nationale Jude den Zusammenhang seiner nationalen Geschichte verstehen lernt, dann wird eine gewaltige Umwälzung seiner ganzen Orientierung bewirkt werden; denn wenn er weiß, wie sein Volk, aus dem Mutterschoß des Orients verbannt, in einer fremden Welt umherirrt, sich nicht zurechtfindend und sich verloren dünkend, schließlich resignierend und Betäubung suchend, — dann wird sein Horizont sich weiten und er wird, über die wechselnden Geschicke der Völker Europas hinweg, die Geschichte des Orients in den Mittelpunkt des historischen Int«resses stelle“- Er wird alte Vorstellungen umdenken und viel in der Schule nacft altgewordenen Methoden angesammeltes Wissen korrigieren müssen. Er wird sich aus der Enge des Gesichtskreises in eine freiere Sphäre gehoben fühlen. „Jüdischerwerden“; das heißt: uns mit dem Werden und den Werken unseres Volkes bekanntmachen, nicht wie man eine Wissenschaft betreibt, sondern um diese Kenntnis in unser Leben aufzunehmen als ein unser Handeln bestimmendes Element. DaS hier in Einzelheiten auszuführen, gestattet der Umfang dieser Betrachtung nicht. Immerhin sei einiges angeführt, was von überragender Wichtigkeit ist. Das wichtigste Mittel zum JUdischwerden ist wohl die Kenntnis unserer nationalen, uns verloren gegangenen Sprache, des Hebräischen. In der hebräischen Sprache sind alle bedeutenden Dokumente jüdischer Schöpfung aufgezeichnet, durch sie allein ist uns deren Geheimnis zugänglich. Die große Wesenhaftigkeit der alten jüdischen Bücher eröffnet uns nie geahnte Schätze, die uns beglücken und bereichern; aber nicht nur die Vergangenheit, auch die Zukunft des jüdischen Volkes wird hebräisch sein; die Anfänge, ganz kleine Anfänge, aber immerhin Anfänge, sehen wir heute schon in Palästina, wo sich eine neue Art jüdischen Gemeinschaftslebens zu entwickeln beginnt. Und noch sei nebenbei bemerkt, daß der Erlernung des Hebräischen für den jungen Juden eine moralische Bedeutung zukommt: Hier ist eine Aufgabe, die eine tägliche Beschäftigung erheischt; hier bedarf es nicht großer Worte und klingender Reden, aber großen Ernstes und innerer Begeisterung, um eine mühevolle, Anforderungen stellende Arbeit zu erfüllen. So ist gerade dies vorzüglich geeignet, ein Gradmesser des nationalen Willens und Ernstes zu sein. Der erste Vorkämpfer der neuerwachten hebräischen Sprache, Ben-Jehuda, hat einmal von den Westjuden, die er verachtet, gesagt; „Ihr wollt uns euren Sabbat geben, wir aber brauchen den ganzen Menschen.“ Der Nationalismus, den wir meinen, will den ganzen Menschen; und es ist an der Zeit, mit dem Sabbat-Nationalismus endgültig Schluß zu machen. Das stärkste Element, das unsere Kräfte zu erneuern geeignet ist, ist die jüdische Antike, an die wir anknüpfen müssen, die wir in ihrer ganzen Größe in unserem Geiste neuerwecken müssen; daneben ist für uns von großem Wert die Fühlungnahme mit dem gegenwärtigen Leben der jüdischen Massen, dessen Bild und Aeußerungen uns in den Werken der jüdisch-deutschen Literatur geboten werden. Wir werden aus der Kenntnis dieser Welt die Leiden und die Schmerzen, das Denken und Hoffen, die ganze schwere Krankheit des jüdischen Volkes verstehen lernen. Wir wissen, daß selbst feine Kunstwerke, die Blüten der ostjüdischen Volkspoesie, die uns so sehr ans Herz greifen, Produkte eines krankhaften Zustandes sind, wie die Perle eine Krankheit der Muschel ist; wir aber wollen für dieses Volk eine radikale Gesundung, ein volles, harmonisch gegründetes Leben. Darum können wir trotz aller Schätzung diese ostjüdische Kultur nicht als etwas Definitives anerkennen, und wir wenden uns gegen jene neuerdings wieder propagierten Bestrebungen, die das Ostjudentum als die vollkommene Art