Mannheim
Compact Memory

Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-08-01 · 6 (August/September 1913) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
6 (August/September 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 177 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492379-5965024-5965360--210-4922396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 6 177 Singen seines Blutes gegeben, das in ihm „zu Kommenden rollt“ und ihn zutiefst sich verbunden fühlen läßt: „In uns sind alle. Wer fühlt sich allein?“ Wenn ein Jude diese Tatsache erlebt hat, erfährt er ein ungeahntes Glück; er fühlt plötzlich sich selbst als das Produkt eines Schicksals, er fühlt eine Bestimmung und einen Zusammenhang, ein Oefühl, das ihn frei und trunken macht wie den Steinklopferhans in Anzengrubers Kreuzeischreibern seine Erleuchtung: „Es kann dir nichts geschehen! Dies alles gehört zu dir und du gehörst zu dem allen; es kann dir nichts geschehen!“ Er ist in die Welt geordnet. Und nun gilt es für den jungen Juden eine Wahl, eine Entscheidung der schwerwiegendsten Art; denn, wenn er sich zur Gemeinschaft seines Blutes stellt, dann trägt er db Verantwortung für sie und muß für sie arbeiten und kämpfen. Er darf nicht mehr blind durch das Leben gehen, sondern jede seiner Handlungen, jede seiner Taten muß durchdrungen sein von der höheren Weihe, von dem Bewußtsein der Aufgabe, die jedes einzelnen harrt: sich und sein Volk zu erlösen. Ein Geist erfüllt sein Leben; eine Schar jauchzender Kämpfer zu sein, das ist der Beruf der jüdischen Jugend. Darin ist schon gesagt« was das Wesentlichste ist: daß der jüdische Nationalismus im Grunde vör allem die persönliche Sache jedes Einzelnen ist. Es gilt, daß jeder sein Leben mit einer großen Ehrfurcht und mit einem großen Ernst lebe, daß er, um ein schönes altes jüdisches Wort zu gebrauchen, sein Leben heilige. Aller Lüge und Gemeinheit muß er endgiltig absagen; alles Hin- und Herschwanken, aller Leichtsinn, aller Uebermut, die das zwecklose Dasein des „liberalen“ Juden erfüllen, müssen aus dem Leben des nationalen verbannt werden. Das jüdische Volk mit seiner vom Rationalismus und der Knechtung zerrissenen Seele ist krank; es werde gesund in dem gesunden Leben jedes einzelnen Juden. Nationalismus ist nicht Sache der Programme und des Parteigetriebes; sondern eine Sache der Lebensentfaltung. In der Stille des Lebens werden die großen Krisen entschieden; darum ist es von größter Bedeutung, daß der einzelne in seinem eigenen, kleinen und kleinsten Lebenskreis diesen Geist des Nationalismus verwirkliche. Ich glaube auch, daß aus diesem Grunde der jüdischen Frau und dem jüdischen Mädchen eine wichtige, ja vielleicht die entscheidende Rolle zufällt: denn diese wirken in den kleinen und empfindlichsten Kreisen, ihrem Einfluß unterliegen die feinsten Gebilde menschlicher Gemeinschaften. Es wird viel davon abhängen, ob es gelingen wird, die besten der Frauen mit dem Bewußtsein ihrer Verantwortung zu erfüllen. Der Jude, der sein Volk gefunden hat, empfindet die ganze Tragik seiner Situation, seines Geschicks, das ihm von allen nationalen Gütern nichts gelassen hat als den Faden eines Zusammenhangs. Durch diese Lautheit seines Bekenntnisses sucht er den Zusammenhang zu befestigen und sich selbst zu starkem Aber das Bekennen allein kann ihn nicht dauernd verbinden, wenn sein Wesen sich entfernt. Darum wollen wir, was wir sind, auch ganz sein. Es entsteht der starke, immer heftigere Wille zum Jüdischerwerden. Wir wollen mit unserer Seele die Seele des Volkes erfassen; und wir suchen die Kundgebungen, die Schöpfungen der Volksseele, um ihr Wesen zu erfahren und in uns zum Schwingen zu bringen. Es grüßt uns, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen, selbst über verdunkelnde und verwirrende Jahrhunderte hinweg die Seele unseres Volkes als unsere eigene Seele: „ein Hindurchfühlen und Herausahnen, ein Wittern auf fast verlöschten Spuren, ein instinktives Richtigiesen der noch so überschriebenen Vergangenheit . . .“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.