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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-08-01 · 6 (August/September 1913) · p. Seite 176

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
6 (August/September 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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176 No. 6 mit den ihn umtobenden Mächten nicht fühlt, dem wird es leicht, sich dein in unserer Zeit mit rasender Geschwindigkeit dahintreibenden Lebensstrom zu ergeben und von ihm führen zu lassen. Aber wer sich nicht treiben lassen will und nach Warum und Wozu fragt, wer das höchste menschliche Recht der Selbstbestimmung nicht aufgeben will, dem wird all das sinnlose und geschäftige Treiben Unbefriedigung und Pein bereiten. Die Kulturentwicklung der letzten Jahre hat den Menschen viel Errungenschaften gebracht, den großen „Fortschritt“, aber sie hat ihnen die Stille und das Glück geraubt; wir sehen heute allenthalben die Menschheit, überdrüssig des Materialismus und des so überaus verfeinerten und erleichterten Lebensmechanismus, auf der Suche nach dem Glück. Die Losgerissenheit des Einzelnen, die der im Zeitalter des Liberalismus mit viel weniger Geist als im Zeitalter der Aufklärung verkündete Individualismus erzeugt hat, wird nicht mehr als Ungehindertheit, sondern als Einsamkeit empfunden. Der Mensch, der eine Zeitlang stolz darauf gewesen war, sich als Epigone des Affen zu erkennen und auf eine Teleologie verzichten wollte, fühlt nun die Sehnsucht nach Dauer und Unsterblichkeit, den edelsten Trieb der ihm innewohnt. Welchen Wert hätte auch sein Leben, wenn er nichts wäre als ein zufällig Vorübergehender, wenn er nicht das notwendige Glied einer Kette wäre? „Wer die Zusammenhänge versteht, lebt ewig“, läßt Arthur Schnitzler einmal einen seiner Menschen sprechen. Die Sehnsucht nach Ewigkeit lehrt uns die tieferen Zusammenhänge wieder begreifen. Martin B u b e r, dessen „Drei Reden“ von jedem jungen Juden gehört und mit dem Innersten seiner Seele aufgenommen werden sollten, sagt in der ersten Rede, wie der Mensch, der auf der ersten Stufe des Bewußtseins nur die ihm durch die Elemente des äußeren Lebens, der Umwelt Verbundenen als seine Gemeinschaft erkennt, auf der zweiten Stufe die Kette der Geschlechter, die zu ihm geführt haben und die Reihe der Ungeborenen, die von ihm ausgehen sollen, als die ihm wesentlich zugehörige Gemeinschaft erfährt. Der Mensch des aufklärerischen und liberalen Zeitalters ist über die erste Stufe nicht hinausgekommen und die Geringschätzung aller wahren menschlichen Kräfte hat eine Verflachung auch des nationalen Gedankens zur Folge gehabt, der rationalisiert wurde. Nationalität aber ist ein irrationaler Begriff. Diese Entdeckung hat dem deutschen Volk die Romantik gebracht, die wieder die heimlich in der Seele des Menschen schlummernden, durch die Vergangenheit seines Volkes bei seiner Geburt in ihn gelegten, ihm eigentümlichen und unerklärlichen Mächte wertete; jene Imponderabilien, deren Wirken eben nicht in Worte gefaßt werden kann und die doch, als des Menschen innerste Substanz, sein Wesen und sein Erleben gestalten. Der Jude, der infolge der ihm eigenen geistigen Agilität die Entwicklungen schneller und intensiver durchmacht als andere, hat die ganze Frivolität des Materialismus, aber auch die ganze Feinheit der Decadence am Stärksten ausgebildet. Nirgends finden wir die Entmenschlichung menschlicher Beziehungen, wie etwa der zwischen Mann und Weib, oder zwischen Volks- oder Arbeitsgenossen, so fortgeschritten wie bei Juden, nirgends die Kultiviertheit und Gefühlsdifferenzierung so verfeinert wie etwa in der Lyrik Hugo von Hofmannthals. Aber aus all der Bequemlichkeit und all dem Genießen, das nicht befriedigt, erhebt sich riesenstark ein Drang nach Oesundung, nach Festigkeit und Kraft, — nach Leben; die Verwurzelung mit der Erde, der Urquelle aller Kraft, ist das Ziel. Aber jeder weiß, daß es mm nichts nutze, als Einzelner einen Mutterboden zu suchen; er weiß, daß ßr nur im Bunde mit den Menschen der Gemeinschaft, der er angehört, au ihrem Boden erstarken kann. Seine Gemeinschaft aber ist ihm in dem

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