Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 160 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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160 No. 5 Schußwaffen spielen im Leben unserer Kolonisten eine besondere Rolle, und es wäre eine schwere Aufgabe gewesen, alle uns zu Ehren abgegebene Freudenschiisse zu zählen. Kein Schomer, der nicht bei unserem Einzug seinen Revolver zu wiederholten Malen abgefeuert hätte. Von den oft bis an die Zähne bewaffneten Schomer ganz zu schweigen, sahen wir kaum einen Kolonisten, der nicht auf Befragen aus seiner Gürteltasche den Browning hervorgeholt hätte. Und selbst zwölfjährige Jungen zeigten uns stolz ihre „Arabertöter“. Es ist bekannt, daß von den Wächtern hier und dort gegen stehlende Araber zur Waffe gegriffen werden mußte. Uebrigens kostet jeder erschossene Araber 10000 Frs. Buße zur Vermeidung der Blutrache. Man muß also geschickt die Beine zu treffen und tödliche Verletzungen zu vermeiden wissen. So ernst nun auch diese Seite der Sache ist, w i r hatten an dem Anblick unserer waffenbewehrten, mannhaften Volksgenossen unsere Freude. Und als einmal Rischon le Zions Jugend, um zu zeigen, was sie könne, sich auf eine Herde von Araberjungen stürzte und sie verprügelte, bis sie reißaus nahmen, dachten wir: „Früh übt sich .... Neben dieser kriegerischen Begrüßung gab es eine andere, friedlichere: das jüdische, d. h. das hebräische Lied. Als wir in Teil awiw mit unserem „Wohlan laßt das Sinnen und Sorgen“ einzogen, kamen wir übel an. Daß es so etwas wie deutsche Lieder jüdischen Inhalts gäbe, konnte man sich nicht denken, glaubte vielmehr, wir sängen deutsche Lieder auf jüdischem Boden, und schnitt uns. Ob es uns wirklich gelungen ist, unseren jüdischen Chauvinisten klar zu machen, was wir sangen, weiß ich nicht. Schon der Umstand, daß wir nicht hebräisch sprechen konnten, genügte, uns als nicht vollwertig erscheinen zu lassen. Aber wir lernten schnell; wenn auch nicht hebräisch sprechen, so doch etwas hebräisch singen. Wie sollte man auch besser hebräische Lieder lernen, als wenn uns Palästinas weibliche Jugend Lehrmeister ist? Von Juda bis Galiläa schien ein immerwährendes Lied, ein ununterbrochener Sang unseren Weg zu begleiten. Vielleicht wird auch hierin unsere Fahrt.günstige Folgen zeitigen: eine Bereicherung unseres jüdischen Turnliederschatzes. In glühender Tagesliitze ging der Marsch über Wadi el chanin nach Rechoboth (23. 3.). Noch hatten wir es nicht gelernt, die frühen Morgenstunden auszunutzen. Mancher Schweißtropfen fiel in den tiefen Sand des Weges. Aber auch diese Mühe ging zu Ende, und sie fand ihren reichen Lohn im Anblick der wohlgebauten, einer gewissen Wohlhabenheit nicht entbehrenden Kolonie. Der nächste Tag brachte uns nach Katra (24. 3.). Graubärtige Biluisten führten uns zu den Stätten, wo sie zum ersten Male vor mehr als 30 Jahren palästinischen Boden gepflügt und in baufällig®0 Hütten übernachtet hatten, wo sie trotz aller Mühen und mancher Enttäuschungen ausgeharrt haben, ein Sinnbild jüdischer Beharrlichkeit, ci° Beispiel für uns. Vorbei an zwei Araberdörfern mit ihren halbzerfallenen Lehmhütten und schmutzigen, aber sehnigen Bewohnern, mit dem weithin sich verbreitenden widerlich süßlichen Gestank nach getrocknetem Kamelmist, der den Eingeborenen als Brennmaterial das in Palästina überaus seltene Hol® ersetzt, ging unser Weg zurück nach Rechoboth. Von dort am nächsten Tage bei Chamsin — dem aus der Wüste kommenden, heißen und die Schleimhäute von Mund und Kehlkopf unangenehm austrocknenden Süd-