Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 154 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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154 No. 5 der Volkspersönlichkeit. Und wie der Individualismus nicht der bloße Wille zuin Leben ist, sondern das Bedürfnis des Individuums wiederspiegelt, das Eigenwesen auszubilden, ebensowenig wird der Nationalismus durch den animalischen Lebenswillen der Nation gekennzeichnet; er ist das Volksstreben, den Reichtum an Fähigkeiten und Energien zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziele, den Volkskörper in seiner Art vollkommen zu gestalten und den Volksgeist zu reinen Formen zu läutern“. Wir fühlen, daß unser Wünschen und Streben mit den richtunggebenden Ideen der Gegenwart in Einklang steht. Nietzsche hat uns gelehrt, den Wert jeder Erscheinung des Lebens danach zu bemessen, ob vorhandene Energien zur Entfaltung, ob schlummernde Kräfte geweckt werden, ob aus erstorbenem Leben neues Leben geboren werden kann. Was den kulturellen Aufstieg der Menschheit fördert, soll gepflegt werden, was die Entwicklung kraftvoller Taten, kraftvollen geistigen Lebens hemmt, soll bekämpft werden. Wären die Juden im Altertum nicht zu einer selbständigen nationalen Existenz gelangt, wären sie unter Aegyptern und Babylonier nutergegangen, dann wären die Worte eines Mose und Jesaja nicht durch die Zeiten und Völker zu uns gedrungen. Wir sehen, daß das Streben nach Assimilation, die Loslösung von Tradition und eigener Art, Wurzellosigkeit und Zerrissenheit des jüdischen Geistes bewirkt und seine schöpferischen Kräfte untergraben haben. „A e u - ßere Freiheit und innere Knechtschaft!“ hat Achad-Haam uns westeuropäischen Juden zugerufen. Mit Recht! Denn innere Knechtschaft entsteht immer dort, wo Menschen gezwungen sind, sich fremder Art anzipassen und nicht das zu sagen und zu tun, was ihr eigenes wahres Wesen ihnen vorschreibt. Arbeiten, dichten, schaffen wir als Juden aus unserer eigenen durch Blut und Geschichte bedingten Seele, dann schaffen wir Werte, die dem Kulturfortschritt der Menschheit dienen. Wir werden dann a ich am kulturellen Schaffen der uns umgebenden Völker teilnehmen können, ohne wie die Vertreter der Assimilation in eine unproduktive Negation zu verfallen oder uns vorbehaltlos krampfhaft in eine artfremde Denkweise hineinzupressen. Und man muß Calvary zustimmen, wenn er sagt: „Nur die Lebensauffassung die unsere fruchtbaren nationalen Instinkte betont und unterstützt, anstatt sie „zu zerstören, ermöglicht uns, auch am deutschen Schaffen produktiv teil zu nehmen.“ Und ich möchte hinzufügen: Nur wer sich selber seiner Wesensart bewußt ist, hat ein Verständnis für wurzelechtes Schaffen, das aus anderer Quelle fließt. Die Betonung jüdisch-nationaler Eigenart bringt uns also nicht in einen Gegens a t z zur deutschen Kultur, sie ermöglicht es uns vielmehr, in ihr eine eigene Note zu vertreten und darüber hinaus, und auch das wahrlich nicht zum Schaden des Deutschtums, an dem Emporblühen einer neuen jüdischen Kultur zu arbeiten. Was wir heute jüdische Kultur nennen, ist mehr Verheißung als Erfüllung. Verheißungsvolle Ansätze sind vorhanden. Die Bedeutung des Judentums der Vergangenheit liegt auf religiösem Gebiet; was sich als Inhalt eines neuen kulturschöpferischen Wirkens ergeben wird, das können wir nicht wissen. Wir können dem jüdischen Geist nicht die Bahn seiner Entwicklung vorschreiben, indem wir die Pflege eines bestimmten Oedankens, z. B. desjenigen der sozialen Gerechtigkeit, als seine zukünftige Auf* gäbe hinstellen. Möglich ist es, daß Elemente, die im früheren geistigen Leben der Juden eine Rolle gespielt haben, wieder eine große Bedeutung erhalten, aber vielleicht entwickelt sich noch die zukünftige jüdische Kultur, die doch schließlich das Ergebnis nicht im voraus zu bestimmender Lebensfaktoren ist, in einer von uns nicht geahnten Richtung. Die Aufgabe der national-jüdischen Bewegung ist es, gebundene Energie in leben-