Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 153 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 153 einer allzu groben ökonomischen Aufiassung der jüdischen Frage. Der alleinige Hinweis auf die ökonomische und soziale Lage der Judenheit würde nur eine Wohltätigkeitsaktion oder eine kolonisatorische Bewegung rechtfertigen, nicht aber national-jüdisches Streben in der D i - spora. Gegenwart und Zukunft eines Volkes werden w'ie die Seele des einzelnen Individuums durch das Zusammenwirken materieller und ideeller Faktoren bestimmt. Die moderne Rassentheorie hat uns wervolle Gesichtspunkte geliefert; es wäre aber ein Fehler, das Gebäude unserer Beweisführung allein auf biologischer Basis aufzubauen. Nicht darauf kommt es an, ob sich anatomisch eine Gleichartigkeit des Schädelbaues und der Gesichtszüge bei den Juden der verschiedenen Länder feststellen läßt, ob wir eine sogenannte „reine“ oder eine „Mischrasse" sind. Die Uranfänge des Menschengeschlechtes sind noch allzusehr in Dunkel gehüllt, als daß es uns möglich sein sollte, bei heute bestehenden Menschengruppen derartige Unterscheidungen zu machen. Wenn wir gemeinsame anthropologische Merkmale der Juden suchen, und davon sprechen, daß ein jüdischer Rassentypus vorhanden sei, so tun wir es, weil in dem Nachweis der Blutsgemeinschaft auch eine Erklärung für geistige Gemeinsamkeit liegt. Wenn w'ir davon sprechen, daß die Juden sich nicht mit Angehörigen anderer Rassen vermischt haben, so meinen w'ir, daß der jüdische Geist in seiner eigenartigen Entwicklung durch fremde Einflüsse keine Veränderung erfahren, zum mindesten seine charakteristische Färbung nicht eingebüßt hat. Es ist bekannt, daß gleich der körperlichen auch eine geistige Vererbung stattfindet, daß eine bestimmte intellektuelle oder künstlerische Begabung, bestimmte Charakterzüge sich durch Generationen vererben und durch Inzucht steigern könne. Man stelle sich die Nation als eine große Familie vor. Gleiche Sprache, gleiche Ideen, gleiche Sitten, gleiche Erfahrungen, gleiche Schicksale wirken auf das Seelenleben dieser Familie und schaffen bei ihren Angehörigen eine gleichartige physische Disposition. Nach ihrer nationalen Konsolidierung bildet diese Familie eine geschlossene KulUirgemeinschaft, in der sich die Intensität der vererbten Instinkte von Generation zu Generation steigert. Je länger der Zeitraum eigenen Kulturschaffens gedauert, je entschiedener eine Blutmischung mit fremden Elementen vermieden wmrden ist, um so mehr tritt die scharf umrissene seelische Eigenart dieser Menschengruppe in den einzelnen Individuen hervor. Mit Recht sagt Buber: „Die tiefste Schicht der Disposition aber, die dunkle schwere Schicht, die den Typus, das Knochengerüst der Personalität hergibt, ist das, was Ich das Blut nannte; das in uns, was die Kette der Väter und Mütter, ihre Art und ihr Schicksal, ihr Tun und ihr Leiden in uns gepflanzt haben, das «roße Erbe der Zeiten, das wir in die Welt mitbringen.“ Wenn wir somit die Existenz einer jüdischen Art in ihrer körperlichen und geistigen Besonderheit als bewiesen ansehen können, so haben 'vir noch immer auf die Frage „Arterhaltung oder Artvernicht u n g?" keine Antwort gegeben. Was treibt uns, den instinktmäßigen Drang, unsere Art zu erhalten, in ein bewußtes Streben zu verwandeln? Die Antwort ist: Wir fühlen, daß wir nur durch die Betonung und Pflege unserer Eigenart Vollmenschen sein können, daß wir unsere kulturbereichernden Fähigkeiten nur dann in schöpferische wraft umsetzen können, wenn wir unser eigenes Selbst leben, wenn wir alles Gute und Wahre in uns bejahen. In demselben Sinne sagt Dr. Weinberg"): „Nationalismus ist der Individualismus *) Nationales Judentum. Von Dr. L. Weinberg, Dortmund. Jiid. Monatshefte fiir Turnen und Sport, April 191.3.