Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 152 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492379-5965024-5965359--180-4922367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
152 No. 5 Nun, es ist kein Zweifel, daß die Voraussetzungen dieser Argumentationen utopistisch sind. Die Verbrüderung der Menschheit — ein schöner Traum! Aber wo gibt es Nationen, die in dieser realen Welt der nackten, harten Tatsachen solche Träume zur Richtschnur ihres politischen Handelns nehmen würden? Man muß diesem weltfremden Optimismus, der Lebensnotwendigkeiten nicht begreift, erwidern, daß eine internationale Verständigung oder Verbrüderung, wenn sie überhaupt möglich ist, nur über einen wohlverstandenen Nationalismus führt und daß sie nur in dem kulturellen Zusammenwirken verschiedener ihre Eigenart bewahrender Nationen bestehen kann. Aber es genügt nicht, die Fehlschlüsse unserer Gegner darzulegen. Wir müssen allen denjenigen gegenüber, die uns das Recht auf ein jüdischen Dasein bestreiten, die politische Berechtigung unserer Bestrebungen erweisen. Antworten wir ihnen: „Wir sind eine Nation, und jede Nation hat das Recht der Selbsterhaltung“, so ist damit noch wenig für eine tiefere Begründung unseres Standpunktes getan. Bei jedem anderen Volk, das auf seiner Scholle sitzt, und nach Sprache und Sitte fest bestimmt ist, wäre die Frage nach seiner Daseinsberechtigung sinnlos und banal. Anders bei den Juden. Alles, was sonst eine Nation zu kennzeichnen pflegt, Land, Sprache und Sitte, mangelt, wenigstens in den westeuropäischen Ländern, den Juden. Wir sind über die ganze Welt zerstreut, zersplittert; nur das Bewußtsein der gemeinsamen Abstammung, der früher gemeinsam erlebten Schicksale erhält einen nationalen Zusammenhang aufrecht. Da müssen wir uns fragen: Welche Gesichtspunkte veranlassen uns, vom Standpunkt einer höheren Weltanschauung aus, unsere Kräfte für eine Konsolidierung der jüdischen Nation einzusetzen und ihr eine lebensvolle Zukunft zu erkämpfen? Der Wert aller gegnerischen Angriffe und aller Diskussionen liegt darin, daß wir für das, was wir instinktmäßig fühlen und wünschen, eine wissenschaftliche Grundlage suchen und so nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Ich bin mir wohl bewußt, daß uns letzten Endes von unseren Gegnern Gefühlsfaktoren trennen, die wissenschaftlich nicht diskutierbar sind, daß der Streit um wissenschaftlich nicht feststehende Begriffe wie den der Nation, nie zu einem entscheidenden Resultat gelangen wird. Aber die Notwendigkeit, unsere Anschauung gegen gegnerische Argumente zu verteidigen, dient dazu, diese Anschauung zu bereichern und zu vertiefen; sie zwingt uns, nicht mit Schlagworten zu gerieren, sondern in das Wesen der Dinge vorzudringen. Hören wir unsere Gegner, dann sieht es so aus, als sei diese national-jüdische Bewegung, die nun schon seit zwei Jahrzehnten eine gewaltige Anhängerschaft um ihr Banner schart, durch die Böswilligkeit einiger Agitatoren entstanden. Diese naive Auffassung rechnet nicht mit historischen Zusammenhängen und Notwendigkeiten. Wenn in so vielen Menschen dauernd ein Wille auftritt, der einem gemeinsamen Ziele zustrebt, dann muß dieser Wille in der äußeren und inneren Verfassung dieser Menschen seine Entstehung und seine Ursachen haben. Warum wollen wir als N a t i o n Juden bleiben? Diese Frage bildet den Kernpunkt des ganzen Problems. Wir hören mannigfache Antworten, aber je nach der Weltanschauung des Antwortenden wird vielfach nur eine Seite des vielgestaltigen Problems betont, e i n Gesichtspunkt, der sicherlich seine Berechtigung hat, als ausschlaggebender Faktor in das Zentrum der Betrachtung gestellt. Suchen wir eine allzu abstrakte und vergeistigte Begründung unseres Strebens zu vermeiden, wie es Martin Buber in seinen drei Reden über das Judentum gegeben hat, hüten wir uns aber auch vor dem Gegenteil