Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 146 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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146 No. 5 Geistige Kämpfe hat es auch in früheren Zeiten in der Judenheit gegeben, sie betrafen aber nur Einzelheiten des religiösen Lebens, nicht aber die Frage der Existenz oder der Auflösung des Judentums überhaupt. In der gegenwärtigen Krise, die das westeuropäische Judentum durchmacht, wird über „Sein oder Nichtsein“ des jüdischen Volkes gestritten. Einige Juden mit allzu großem Optimismus glauben sich über die Gefahr des gegenwärtigen Zustandes mit dem Hinweis darauf hinwegsetzen zu können, daß das Judentum aus allen Stürmen, aus allen Gefahren und Zweifeln immer wieder siegreich und lebenskräftig hervorgegangen sei, daß es die Gefahr, durch Assimilation vernichtet zu werden* auch während der alexandrinischen und spanisch-arabischen Epoche überwunden habe. So werde es sich auch der Umklammerung durch den Geist westeuropäischer Kultur entziehen. Dem muß entgegengehalten werden, daß geschichtliche Situationen sich in den wenigsten Fällen restlos vergleichen lassen. In früheren Epochen der Diaspora bildete die Religion eine starke Scheidewand zwischen den Bekennern verschiedenen Glaubens, sie wurzelte noch im Herzen der Menschen und schuf erbitterte Feindschaft. Heute ist die Religion nicht mehr in demselben Maße ein bestimmender Faktor im Leben der Menschen; vielfach ist sie ganz geschwunden, vielfach hat sie sich zu einer philosophischen Anschauung, einem deistischen Bekenntnis verflüchtigt, das kaum noch wesentliche Unterschiede bei den verschiedenen Religionsgesellschaften erkennen läßt. In früheren Zeiten galt der Angehörige eines fremden Landes oder einer fremden Nation ohne weiteres als Feind. Der Gedanke einer Solidarität der Kulturmenschen ist erst ein Produkt der Neuzeit; heute sieht sich auch der eingefleischteste Chauvinist genötigt, in dem Angehörigen einer fremden Nation ein Wesen zu sehen, mit dem er immer noch gewisse gemeinsame Interessen hat. Diese Dinge muß man sich gegenwärtig halten, wenn man aus der jüdischen Geschichte Vergleiche mit der Oegenwart heranziehen will. Man wird dann erkennen, daß die Verhältnisse heute einer völligen Assimilation, einer Auflösung des westeuropäischen Judentums weit günstiger Hegen als jemals in der jüdischen Vergangenheit. Und in der Tat — niemals Ist von Juden der Untergang der eigenen Rasse, des eigenen Volkstums, der eigenen Religion so laut, so konsequent, so leidenschaftlich, mit so viel Scharfsinn gefordert worden wie in unseren Tagen. Auch früher sind Teile der Judenheit aufgelöst worden, verloren gegangen, aber es geschah teils widerwillig (es sei an die Marannen erinnert), teils geräuschlos wie ein kampfloses Hinsiechen. Heute verkünden diejenigen Juden, die kraft ihrer Begabung oder ihrer Stellung Führer ihres Volkes sein sollten, ein wohldurchdachtes System der Entjudung, der Vernichtung unseres Volkstums. Aber die ungeheure Lebensenergie des jüdischen Volkes schuf eine machtvolle Gegenbewegung, die Massen des jüdischen Volkes setzten den Aposteln der Vernichtung den Willen der Lebensb e J a h u n g entgegen und scharten sich um den Mann, der allen als höchste Verkörperung dessen erschien, was das Judentum an hohen geistigen und körperlichen Qaben zu vergeben hatte. Fassen wir die Vorgänge, die zwischen der Judenemanzipation und der jüdischen Renaissance-Bewegung Hegen, unter dem Gesichtspunkt des Naturgeschehens auf! Wir können es dann vermeiden, die Assimilation, die ln der Epoche nach Mendelsohn einsetzte, unter moralischen Gesichtspunkten zu betrachten. Sie war das selbstverständliche Ideal eines jeden Juden, der aus der Enge des Ghetto an das Licht der Kultur und Bildung strebte — die Emanzipation fifel ln die Epoche eines nationalistischen Kosmopolitismus, der Humanismus und Nationalismus noch nicht als gleichberechtigte und sich harmonisch ergänzende Anschauungen erkannte und weise gegen einander