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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-06-01 · 5 (Juni/Juli 1913) · p. Seite 147

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
5 (Juni/Juli 1913)
Date
1913-06-01
Page
Seite 147 (sequence 13)
Language
German
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No. 5 147 abzugrenzen verstand. Der Oedanke der Wiedererweckung des jüdischen Volkstums zu neuer Blüte mußte, ebenso wie er dem Zeitgeist fremd gewesen wäre, auch dem Wollen der damaligen Juden fernliegen. Der weitabgekehrte Ghettomensch mußte erst durch die Schule europäischen Denkens gehen, ehe sich in ihm die Möglichkeit eines Wollens entwickelte, wie es eine jüdische Renaissance-Bewegung voraussetzt. Die Situation vor dem Auftreten der national-jüdischen Bewegung läßt sich damit kennzeichnen, daß sich auch hier geräuschlos ein Prozeß der Abbröckelung vollzog, der vom Kulturjuden als eine Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Zwar predigten die Rabbiner von ihren Kanzeln, daß Israel fest in seinem Glauben beharren und seiner Mission treu bleiben müsse, den Völkern der Erde die reine Qotteserkenntnis und Sittlichkeit zu verkünden, aber sie konnten nicht hindern, daß die Vorsteher der Gemeinden ihre Kinder zur Taufe führten, daß selbst ihre eigenen Kinder sie Lügen straften. Da aber setzte mit der Kraft und Notwendigkeit alles Naturgeschehens die Reaktion ein; zunächst die Reaktion seitens der Völker, in denen die Juden aufzugehen gedachten. Je zahlreicher die Juden ihren Anteil an moderner Kultur und der Gestaltung politisch-sozialen Lebens heischten, um so entschiedener wurde das Nein, das ihnen entgegenschallte. Es entstand der moderne Antisemitismus. Es stellte sich) heraus, daß der Prozeß der Auflösung, der bis dahin mehr unbewußt vor sich gegangen war, ein ganzes System der Nachahmung, der Anpassung, der Ummodelung, der Entäußerung des eigenen Wesens verlangte, und daß selbst diese krampfhaften Bemühungen immer nur in einzelnen Fällen von Erfolg gekrönt waren. Und nun trat die zweite Reaktion ein: Der Jude war nicht mehr der Sklave von ehedem, der vor jedem Gassenbuben Mores machen mußte. In jedem in Freiheit geborenen Menschen lebt der Drang zu aufrechter Gesinnung, zur Entfaltung seines innersten wahrsten Wesens. In denjenigen Juden, deren Persönlichkeitsgefühl unter dem Einfluß der neuen Entwicklung erstarkt war, bäumte sich alles auf gegen die Würdelosigkeit, die Gesinnungslosigkeit, die sittliche Verwahrlosung, die das Streben nach Assimilation in der deutschen Judenheit erzeugte. Gegenüber dem Haß von außen und der Selbstentäußerung in den eigenen Reihen gab es nach ihrer Meinung nur einen Weg zur sittlichen Gesundung. Rückkehr zum eigenen Volkstum. Pflege und Förderung der Kräfte, die in der Seele eines alten Kulturvolkes brach lagen. Und es entstand der Zionismus. Oberflächliche Betrachter sahen in ihm ein Produkt der Verärgerung über den Antisemitismus. Wer die Zusammenhänge überblicken kann, der sieht, daß der Zionismus der Ausdruck dafür war, daß das Judentum nach neuen Lebensformen suchte. Mit seinem Auftreten hatte der Kampf zwischen |rhaltenden und zerstörenden Kräften in Westeuropa begonnen. Zuerst schien es ein Häuflein ungefährlicher jugendlicher Schwärmer, das nian mit einem wohlfeilen Spott abtun zu können glaubte. Als aber ihre Zahl wuchs, als auch die große nichtjüdische Oeffentlichkeit von dem Vorbandensein der Bewegung erfuhr und in die Diskussion eingrlff, da sprach j?an nicht-mehr von einer harmlosen Schwärmerei, sondern erklärte die Bewegung für eine Gefahr. Alle diejenigen Kreise, die das Judentum schon eingesargt zu haben glaubten, fühlten sich unsanft aus ihrem Schlaf emporkerüttelt, und das Produkt ihres Eifers sehen wir nunmehr in der Gestalt Von Abwehrvereinen und Abwehrresolutionen gegen den Zionismus. Es setzte in der jüdischen und nichtjüdischen Presse, in Schriften und Gegenschriften, in Vereinen und Organisationen eine Diskussion ein, wie sie ■n diesem Umfang die Judenheit wohl noch nicht erlebt hat. Bevor ich auf oiejenlge neuesten Datums eingehe, sei auf einige Vorläufer hingewiesen.

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