Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 4 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Falsch ist es geradezu, wenn Verfasser die besondere Tendenz zu Geisteskrankheiten als Resultate sozialen Milieus deutet. Die sogenannten endogenen Psychosen, d. h. die Psychosen, die sich auf dem Boden der abnormen Anlage entwickeln, sind bei den Juden häufiger als bei ihren Wirtsvölkern. Diese abnorme Anlage ist eine vererbte und von dem Milieu unabhängige. Das letztere ist, wie Fishberg in Uebereinstimmung mit den anderen Autoren konstatiert, nur für die funktionellen Psychosen, wie Hysterie, Neurasthenie als wirksame Ursachen zu betrachten. Aber selbst in diesen Fällen darf man die von der Umwelt unabhängige Disposition nicht gering veranschlagen. Nichts ist irriger, als die Behauptung des Autors, daß die nämliche Umgebung ein und dieselben pathologischen Resultate auf psychotischem Gebiete hervorgebracht habe. Dagegen spricht die Tatsache, daß es keine sozialen Psychosen gibt. Es gibt wohl bestimmte Erkrankungen des Nervensystems bei bestimmten Berufen. Das beruht aber darauf, daß eben diese Berufe mit spezifischen Giften zu tun haben. Also sind es diese, und nicht der Beruf an sich, die das Nervensystem krankhaft beeinflussen. Im 4. Abschnitt beschäftigt er sich mit der interessanten Frage der jüdischen Physiognomie. Es ist sicher richtig, daß die Physiognomie nicht vom anthropologischen Typus abzuhängen scheint. Nicht der Körper, sondern die Seele macht die Physiognomie aus. Aber ganz unverständlich bleibt eswenn Verfasser sozial und psychisch zu identifizieren versucht. Hier zeigt es sich, daß die Ueberspannungen der Darwinschen Lehre unheilvoll aut ihn gewirkt haben. Bei Erörterungen der Einzelheiten des jüdischen Typus begeht er einen neuen Trugschluß. Daraus, daß der semitische Typ zuweilen unter Nichtjuden anzutreffen ist, darf noch lange nicht gefolgert werden, daß er das Resultat der gleichen sozialen Auslese ist. Ebenso bedenklich wie die Semitensucher, d. h. jene, die unter jedem jüdisch aussehenden Gesicht gleich semitisches Blut wittern, sind die Forscher, die den Uniformierungstrieb besitzen, und die bei verschiedenen Völkern vorhandene ähnliche Physiognomie auf dieselbe und noch dazu äußere, soziale Ursache zurückfuhren. Das letzte Kapitel bringt die historischen Beweise dafür, daß eine starke Mischung der Juden zu allen Zeiten sich abgespielt hat. Da Verfasser zeitweilig das dunkle Gefühl hat, daß der Milieueinfluß doch nicht so weit geht, um alles durch ihn erklären zu können, so bedarf er der Annahme der Rassenmischung, um seine These: „Die Juden seien nur eine Religionsgemeinschaft“, genügend zu stützen. Daß die Juden keine reine Rasse bilden, — ebensowenig wie andere Völker — ist eine Selbstverständlichkeit. Es ist kein Zweifel, daß Rassenmischungen zur Zeit der jüdischen Staatenbildungen stattgefunden haben. Das Problem spitzt sich also darauf zu, ob diese auch für die Zeit der Diaspora nachzuweisen sind, und ob diese irgendwelche nennenswerten Veränderungen der Einheitsrasse herbeigeführt haben. Daß in dieser Zeit Mischungen vor sich gegangen sind, braucht kein Gegenstand einer Erörterung zu sein. Den Beweis aber, daß die späteren Mischungen irgend einen wesentlichen Einfluß ausgeübt hätten, ist Fishberg ebenso wie seine Vorgänger schuldig geblieben. Er setzt sich hier mit sich selbst i» Widerspruch, denn an einer anderen Stelle seines Buches vertritt er den Standpunkt, daß die Mischung mit der Umgebung zu einer Auflösung führt, daß sich 3 bis 4 Generationen nach der Mischung kaum noch Bekenner der