Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 4 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 4 114 Und wenn wir von dem gläubigen Optimismus sprechen, dürfen wir die ganz besonderen Beziehungen des Juden zu Gott, wie wir sie im Volkslied antreffen, nicht unerwähnt lassen. Man versteht gar nicht, wie sonst diesem jüdischen Gotte die Attribute der Härte und Strenge zugemessen werden können — so traulich-heimelig, so freundlich-harmlos, so im höchsten Grade familiär ist das Verhältnis des Juden zu seinem Gotte. In allen jüdischen Legenden ist Gott ein weicher, gütiger Vater, der oft strenge straft, der aber selbst Reue und Mitleid hat und Tränen vergießt, da er die Leiden seiner Kinder sieht. Nur ein Volk, das ein so wundersames Poem vom Tode des Messias geschaffen hat, bei dem man selbst im Zweifel ist, wer der Hilflosere, der Rührendere ist, Gott oder Messias, nur ein solches Volk konnte eine so warme Innigkeit, eine solche Intimität in seinem Verhältnis zu Gott zugrunde legen. Da gibt es keine ersterbende Furcht, ja nicht einmal den Respekt im gewöhnlichen Sinne. Gott ist der wahrhaftige Vater, und einen Vater bittet man, gegen einen Vater darf man sich auch einmal eine Laune gestatten, und man stellt an ihn Forderungen — denn ein Vater hat seine- Verpflichtungen nicht weniger als die Kinder ihm gegenüber. Was die Liebeslieder betrifft, so müssen wir ohne weiteres zugeben, daß es ihnen an Farbe gebricht, es fehlt an Tropen, an Bildern — die Seele ist zum Ueberfließen voll, doch wie kündet man das in Worten, wo die Worte mangeln? Da erzählt ein Lied vom Verliebten, der seinen Herzensschatz mit einer Blume beschenken will und sie nicht zu benennen vermag- Schuld daran sind jedoch nur die besonderen jüdischen Bedingungen. Die jüdischen Volkslieder sind eben Goluslieder, die geschaffen wurden fernfern von Garten, Wiese und Wald, geschaffen in dem Lande, „wo die Sonne trüb durch Nebel blickt, wo der Sturm nicht braust, nur leichte Winde miid sich schaukeln . . •“ Die jüdischen Liebeslieder ähneln wahrhaftig einem blassen, jungen Mädchen irgendwo in Littauen. Ihr wundert euch, wenn ihr sie seht, über die Einfachheit ihre_r Kleidung, über die Farblosigkeit der ganzen Erscheinung, und es scheint, auch ihr Gesicht ist ebenso reizlos, einfach, nichts Verlockendes in den Bewegungen, in den Linien. Und dennoch könnt ihr nicht gleichgültig vorübergehen: Etwas zieht euch an in diesem Mädchengesicht, und wenn ihr euch dann besinnt, was das sein mag, erkennt ihr: es ist der Zauber, der in ihren traurigen Augen eingeschlossen liegt, in diesen Augen, in denen sich die stille, stumme Wehmut widerspiegelt. Und es kann leicht geschehen, daß ihr glauben möchtet, auf diesem schmalen, blassen Gesicht ruhe mehr Schönheit als auf den temperamentbelebten Gesichtern und in den flammenden Augen der Mädchen, die da, die schwarze Mantille überworfen, lustwandeln unter dem ewig blauen Himmel Andalusiens. Die jü' dischen Liebeslieder mit den spanischen zu vergleichen, wäre allerdings lächerlich. Ich meine die jetzigen jüdischen Lieder. Denn einst, als auch die Juden im Glanze der Sonne badeten, nahe, innig-nahe der Natur, da wußten auch sie Mädchenlippen mit blutroten Granaten zu vergleichen, konnten auch sie ein Liebeslied schaffen, das da heißt: Das Hohelied Im jüdischen Volkslied finden wir Frömmigkeit, Innigkeit, Stolz, Gläubigkeit, Optimismus und die stille Melancholie der Abenddämmerung. Sucht