Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 4 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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113 No. 4 Bis es kommt dos gute Quittei (Briefchen) Schlof-ze, lju-lju-lju! Schiofen is a taier (köstliches) Mittel, Schlof-ze, Sühn, ju-nju.“ Natürlich nimmt das Wiegenlied, wie bei allen Völkern, so auch im Jüdischen Volksgesang, einen bedeutenden Platz ein. Hier haben wir die ideale jüdische Mutter der Qasse vor uns, die da vor ihrem Kinde im Wiegenlied alle Träume, alle Hoffnungen, alle Sorgen und Kümmernisse ihres Herzens ausschüttet. Hier haben wir das Weib des einzig waffenlosen Volkes vor uns — und wenn sie Zukunftsbilder malt, so sieht sie ihren Sohn nicht auf dem Schlachtfeld, das er durchmessen wird als stolzer Sieger auf weißem Roß, sie sendet ihn nicht aus, daß er Rache nehme an ihren Beleidigern und Peinigern. Im jüdischen Volkslied — und diese Merkwürdigkeit verdient hervorgehoben zu werden — findet sich das Rachemotiv überhaupt nicht vor. Der „Feind“ ist vergessen — er wird, mehr aus Verachtung, völlig ignoriert. Gewiß, man lebt nicht gut, gar nicht ,gut — aber mit seinen Beschwerden und Reflexionen tritt der Jude vor Gott. Gottes allein ist es, die Verantwortung für alles zu tragen — natürlich, jeder Jude trägt sie mit. Es ist auch ein Held, von dem die Mutter an der Wiege des Söhnchens träumt, aber keiner des Schlachtfeldes — es ist ein Held des Geistes, ein Ritter der heiligen Lehre: „. . . Deine jungen Johrelach Bin ich dir mekane (neide ich dir), West (wirst) doch sain a grejßinker (Wirst doch groß werden), West doch sain a tane (Meister), West daine Eltern beschitzen und beschainen, Paßt doch nit für dir, sollst pischtschenen (greinen) und weinen.“ Aber die Volkslieder sind nicht nur ein Born von Poesie, sondern auch von Volksweisheit, von eigenartiger Lebensphilosophie. Hier begegnen wir zuvörderst jenem unverständlichen, unverwüstlichen Optimismus: Alles Unglück, alle Leiden und Verfolgungen werden als eine Art Mißverständnis, *1* Zufall betrachtet. Sie stürzen.den Juden nicht in Zweifel — er hält sich vielmehr für den geborenen Aristokraten, glaubt immer an seine Auserwählt- «eit und verschmäht es Jedenfalls, vor die Außenwelt als Verzweifelter hinauszutreten. Er steht über dem Verfolger, er ignoriert ihn und will sich nicht durch Rachegefühle erniedrigen. Im Gegenteil, so klingt das jüdische Lied: „As men zapt von mir dos Blut arois (wenn man mir das Blut abpreßt) Un men mutschet (martert) mich pomelach (frei: stückweis), Lach ich mich gut fun mafne Ssonim (Feinde) ois Un geh mir gor a Frejlach (Und tanz mir einen ,Fröhlichen').“