Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 4 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 No. 4 durchaus nicht das „Tagsüber“, das Wache und Lärmvoll-Rauschende wieder. In diesen Liedern ist der Jude bei sich zu Hause, daheim mit seinen Träumen und Hoffnungen. Und merkwürdig: alle, sie alle stehen in vollkommenem Widerspruch zu dem,- was die Umgebung, die Nachbarn, was die anderen Völker als Wesenskern der jüdischen Natur betrachten. Für den Europäer von heute ist der Jude des Ostens das elendeste, das skeptischste das hastende, das heimatlose Geschöpf kat’ exochen — und nun: was in den jüdischen Volksliedern vor allem entzückt und erstaunen läßt, das ist der stille, elegische Ton, die Innigkeit, die Festigkeit, der Glaube, ist — der Optimismus. Der ewige Commis voyageur, der Agent und Vermittler, der so oft und so rasch eine Stadt, ein Land gegen das andere eintauscht — hier in diesen Liedern ist er ein ausgesprochen konservatives und am Orte beharrendes Geschöpf. Fiir niemand in der Welt ist der Abschied von einem Ort so schwer wie für einen Juden. Noch bis auf den heutigen Tag ist das „Weg fahren“ für den Juden eine der schwersten Katastrophen. Gerade und nur bei den jüdischen Emigranten kann man Zeuge der rührendsten Abschiedsszenen sein. An den kleinsten Bahnhöfen in Polen, Littauen und im eigentlichen Rußland werden Ströme jüdischer Tränen vergossen; es weinen, die in die Ferne ziehen, und es weinen, die Zurückbleiben. Kein Wunder also, daß die Abschiedsmotive im jüdischen Volkslied eine solche Rolle spielen. Sicherlich am meisten von allen Worten kehrt das schicksalsschwere Wort „Amerika“ wieder. Unter den acht Millionen Juden Rußlands und Galiziens gibt es nicht eine, aber buchstäblich nicht eine einzige Familie, die nicht irgendwie durch eines ihrer Mitglieder mit dem neuen Lande verbunden wäre. So klingt es wieder in den Liedern: Es weinen die Kinder, die ihre Eltern verloren, und die Eltern, die ihre Kinder verlassen haben. Brüder reißen sich los von den Schwestern. Es weint die alte Mutter, wenn der Brief des Sohnes aus Amerika kommt. Und mit Tränen in den Augen, hoffend auf das künftige Glück, wenn sie alle „drüben“ beisammen sein werden, wiegt die junge, einsame Mutter ihr Kind in den Schlaf. Wer kennt nicht das Lied? In den weltentlegensten jüdischen Winkeln wird es gesungen: . . In Amerika ist der Tate Deiner, Gju — Gju — Gju! Du bist noch a Kind, l’eiß ate (einstweilen), Schlof-ze, Sühn’, ju-nju! Er wet schicken zwanzig Doller, Sein Portret derzu, Und wet nehmen — leben soll er! — Uns ahinzu — zu. Er wet chapen uns zu kissen, Tanzen as vor Freid, Ich well Quallen Tränen (Ströme von Tränen) gießen,