Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 4 (Mai 1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492379-5965024-5965356--134-4922322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 4 11t Das jüdische Volkslied. Von Sch. Qore 1 ik. Mein Freund, Herr Leo Winz, führte vor einiger Zeit, bevor er an die Veranstaltung der bekannten Konzertabende ging, einem kleinen geschlossenen Kreise jüdische Volkslieder vor, um ihm so jene unbekannte Welt von eigenartiger Melodik zu erschließen, die sich dem Ohr des modernen Europäers als ebenso neu wie unerwartet offenbart. Dein intimen Publikum, das sich eingefunden hatte, um diesen Liederklängen voll Trauer und Trost zu lauschen, hatte auch ich das Vergnügen, angehören zu dürfen. Und seltsam: Diese Lieder, die ich von Kind auf gehört hatte als Lieder der Straße in den jüdischen Städtchen Littauens und Polens, als Weisen, die mir meine Mutter gesungen, als unsere Kindersänge am Feiertagstisch oder an herbstlichen Abenden — diese Lieder haben in der modernen Umgebung an Kraft der Wirkung nicht nur nichts eingebiißt, im Gegenteil: eine Flut von Erinnerungen rührten sie in mir auf. Es schien mir, als hätte sich mein Blick mit der Entfernung geschärft. Es gab da Lieder, deren Wert ich erst jetzt auf dem fremden Boden erkannte und richtig einzuschätzen verstand, nicht etwa darum, weil ich sie daheim jeden Tag hörte und Gewohnheit die Wirkungen abstumpft. Fs war wohl das Entferntsein an sich, das alle inneren Sympathien verstärkte. Und ich hatte den stillen Wunsch, daß sich meine Empfindungen auch auf andere übertrügen, und zugleich wollte ich die eigenen Eindrücke bannen und für eine Zeit festhalten. Die Gedanken aber flogen heimwärts ins Vaterstädtchen. Aermlich-gedrückte fromme Häuschen, kleine Fenster und viel, viel jüdische Kinder, die bei diesen wehmutsvollen Liedern großgezogen werden. Und unwillkürlich mußte ich ari die seelenwarmen, wundervollen Worte der Liebe denken, mit denen einer «nserer Besten sich an die Kinder wendet: * ■ „Oj! Mir soll sain, jiddische Kinderlach, For aiere koschere F.jgelach . . .“ (Oh! [Wenn euch etwas droht] jüdische Kinderlein. Mags mich treffen, statt euerer reinen Aeugelein . . .) Die folgenden Zeilen sind geschrieben unter dem Eindruck, den die Lieder an jenem Abend im intimen Kreise auf mich machten. Vielleicht werden einige Bemerkungen über Charakter und Wesen des jüdischen Volksliedes für den Leser nicht ohne Interesse sein. B Einer unserer modernen jüdischen Poeten hat einmal sein Volk im ■de eines doppelgestaltigen Wesens gezeichnet: Bei Tage vor der großen entliehen Welt, in den Straßen und Gassen handelt und wandel er, kauft verkauft er als ein richtiges, mageres, armselig-gedrücktes Jüdchen, oder a's »der Jude“, doch kommt der Abend, dann wirft er den Schacher- 1 ♦ ab> reckt sich in die Höhe und verträumten Auges sucht er nach der zten Wahrheit, nach Sinn und Ziel dieses Lebens. diese Zweigestaltigkeit, dieser Dualismus wird sich für jeden W' kr’ der sictl d‘e Mühe nimmt, in die auf den ersten Blick einfachen, in Ir üchkeit aber sehr tiefen Lieder einzudringen. In ihnen spiegelt sich