Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 3 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 86 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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86 No. 3 die Schüler mittlerer und Hochschulen an: von Ausnahmen abgesehen, besteht sie aus Menschen mit etwas gebückter Haltung, blassen, blutarmen Gesichtern und eingefallenen Wangen. Diese Erscheinung ist leicht zu erklären, wenn man den Entwicklungsgang der jüdischen Kinder in Rußland näher kennen lernt Dieser gestaltet sich fast gleichmäßig bei allen jüdischen Kindern, mögen ihre Eltern gut situierte Bürger, Kleinbürger oder Handwerker sein. Es hat sich bei den russischen Juden, insbesondere denjenigen von Russisch-Polen der Usus eingebürgert, daß die erste Unterrichts- und Bildungsstätte ihrer Kinder der Cheder sein muß. Es ist hier nicht die Stelle, das in diesen Chedern übliche System und die Methode des Unterrichts eingehender zu schildern. In engen, meist nicht ganz sauberen Stuben verbringen die jüdischen Kinder fast den ganzen Tag. Weder die Eltern noch die Lehrer legen irgendwelches Gewicht auf die körperliche Ausbildung der jungen Kinder. Die Einführung von Turnübungen in den Chedern würde bestimmt die größte Empörung bei den Eltern wie den Lehrern hervorrufen, da eine solche Neuerung nach ihrer Ansicht eine Entweihung des Cheders bedeuten würde. Die Chedern würden dadurch in Schulen umgewandelt werden, d. h. Anstalten, in denen die Kinder zu „Apikorsim“ erzogen würden. Außer diesem streng konservativen Standpunkt spielen noch andere Momente mit, welche die jüdischen Eltern verhindern, der körperlichen Ausbildung ihrer Kinder eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Physische Kraft und Gesundheit gilt nämlich in den orthodoxen jüdischen Kreisen Rußlands als eine tierische Eigenschaft, als ein Zug, der dem Tiere wohl gut stehen mag, aber keineswegs dem Menschen — dem edelsten Geschöpfe Gottes. „Gesund wie ein Pferd“ — sagt der polnische Jude von einem, der sich durch seine körperliche Kraft auszeichnet und seine Mitmenschen überragt und ein Ton von Verachtung und Geringschätzung klingt in diesem Ausspruch. Wir Juden, heißt es in diesen jüdischen Kreisen, wären schon von Natur aus mit geringerer physischer Kraft als die andern Völker, die Nachkommen Esaus ausgestattet worden und Gott habe bei der Schöpfung der Welt bestimmt, daß Esau an Kraft Jakob überlegen sein soll. Dieser Gedanke wird vom biblischen Satze hergeleitet: ztyj; ipr ’ip ^pn (die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände), ergo wollte es Gott haben, daß die Juden sich der Stimme als Waffe bedienen sollen — d. h. Weinen und Beten, während die „andern Völker" die Hand oder die Faust als Mittel zur Verteidigung erhielten. Es ist begreiflich, daß unter solchen Verhältnissen ein gesundes und lebensfähiges Geschlecht nicht herangezogen werden kann und nur die zähe. Ausdauer der jüdischen in den vielen Kämpfen und Leiden gestählten Natur erklärt uns die Erscheinung, daß die meisten Juden Rußlands doch ein ziemlich hohes Alter erreichen. Diesen Mangel an Körperkultur und seine schädlichen Folgen scheinen auch die alten Schriftgelehrten erkannt zu haben und sie wollten ihn dadurch beseitigen, daß sie sich, um beim Talmudstudium nicht ganz ohne jede Bewegung zu sitzen, nach vorne und nach hinten schaukelten. Darauf wird wahrscheinlich der heute in Russisch-Polen sehr verbreitete Usus zurückzuführen sein, sich beim Gebete ebenso wie beim Talmud- und Bibelstudium hin und her zu bewegen. Am strengsten wird dieser Usus bei den