Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 3 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 No. 3 eine Fülle eigenartiger menschlicher Beziehungen geben. An jenem Prinzipal, der das Trostwort vom kleinen Anfang prägt, fesselt doch vor allem er selbst: Sein wohlwollendes Verständnis für die früh erwachende Begabung des Lehrlings, sein bei aller Verschlagenheit auch gegen den jüngsten Angestellten hervortretender Familiensinn, sein gemütvoller väterlicher Gestus, ja, beinah der Klang seiner Stimme sind in diese wenigen Worte eingefangen. Selbst der Schnorrer an Rotschilds Grab bekommt ein besonderes Gesicht, er hat das unverwechselbare Gehaben eines jüdischen Schnorrers mit allen Reizen des Milieus. Unzählige nur aus jüdischem Erleben verständliche Züge werden liier herausgegriffen, sie verwachsen mit dem eigentlich Witzigen zu einer ganz originellen Einheit und schaffen fast unter der Hand wirkliche lebendige Typen der Emanzipationszeit, wunderliche, geplagte, ergreifende, Zwitter von Ghetto und Kultur, die nationaler, tiefer, geschichtlicher empfunden sind als die meisten in dieser Richtung von jüdischen Schriftstellern unternommenen Versuche. Man muß schon bis auf Heine zurückgehen, um überhaupt etwas ganz Ebenbürtiges zu finden. Er freilich, als der Größte, besitzt auch diese Fähigkeit seines Volkes in besonderem Maße. Er spricht in dem einen Hirsch Hyazinth schon all das aus, was der jüdische Witz in unzähligen Details zu sagen versucht, und man kann das Wesen dieses Witzes, den Humor, dem er als Mittel dient, nirgends besser als an dieser Figur erkennen. Ich greife nur den berühmten Satz heraus, daß die jüdische Religion gar keine Religion sei, sondern ein Unglück. Dieser Ausspruch wird sofort zu mehr als einem bloß geistreichen Wortspiel, weil' er gleichzeitig alle Verfolgungen des Ghettos weder lebendig macht; er konnte nur einem Dichter einfallen, der die Demütigungen dieser Religion aufs Tiefste an -sich erfahren hat. Aber es wäre immer noch einzuwenden, daß hier nur eine wuterfiillte Seele ihre Empörung ausschreit und mit ihrem verzerrten Lachen bestenfalls zur Ironie, aber nie zu wirklichem Humor gelange, — wenn nicht gerade Hirsch Hyacinth diese Worte spräche, wenn nicht gerade dieser getaufte Europäer mit überlegener Objektivität dies Urteil abgäbe, ohne zu ahnen, wie sehr sich seine Erfahrung von der jüdischen Religion gerade an ihm selbst bewahrheitet. Die Gestalt dieses unvergleichlichen Mannes, der den echten Tonfall seiner Väter mit wahrhaft weltmännischer Bonhommie vereinigt und bisher die gelungenste Parvenüerscheinung geblieben ist, steht nicht um des Witzes willen, sondern der Witz steht um ihretwillen da, und jeder Zweifel am Humor muß endgültig schwinden. Der jüdische Witz hat, wie Heine hier im Hyacinth, keine andere Möglichkeit für seinen Humor als solche „Chochmes“, solche Kombinationen und talmudischen Schliche, weil sie das gedankliche und sprachliche Werkzeug der Erfinder wie der Erfundenen sind. Aber die Bedeutung dieses Humors liegt gerade darin, daß er mit solchen Mitteln doch einen packenden Ausdruck zu finden wußte, daß er den Schmerz einer Welt gestaltet und durch sein Lächeln zu überwinden sucht, wo ihm nur nackte logische Associationen zur Verfügung standen. Freilich: Es ist ein beschränkter Humor, auch ohne daß man den Ritter Don Quichote zum Vergleich heranzieht. Wenn Tyll Eulenspiegel das Leben betrügt, bevor es ihn betrügen kann, so teilt sich das stille Behagen dieser Figur jedem mit, der überhaupt für Menschliches empfänglich ist. Selbst der Fischer des Grimmschen Märchens, der seiner Frau zum lieben