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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-04-01 · 3 (April 1913) · p. Seite 83

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
3 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 83 (sequence 9)
Language
German
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No. 3 83 stellen in Wahrheit nur ein Mittel dar, um etwas anderes, Tieferes auszudrücken. Die Menschen, denen sie eingefallen sind (nicht die gedankenlosen Nacherzähler, die nur das Handgreifliche belachen), geben mehr als bloß die Probe eines flinken Gehirns, das um jeden Preis aus seinen Erlebnissen niederträchtige Pointen herauslocken will. Es ist Blut von ihrem Blut, was sie verspotten, sie waren ja selbst der kleine Moritz, der auszog. um das Gruseln zu lernen, aber mit unbeirrbarem Instinkt alle Rätsel des Herrn Lehrers in seine vom Nutzen regierte Sphäre umrechnet. Sie können selbst nicht ganz so gottverlassen sein, wenn sie alles Böse, wie es ärger der schwärzeste Haß nicht erfinden würde, schon aus Eigenem zur Verfügung stellen, und müssen eine andere Welt ahnen oder besessen haben oder noch in sich spüren. Es bedeutet einen wesentlichen Unterschied, ob ein Bankier des Berliner Westens sich durch jedes Ereignis der Effektenbörse zu einem neuen Bonmot gedrängt fühlt, oder ob, wie hier, auf jede Erschütterung des kulturellen Wertes ein neuer grausamer Witz gesetzt wird. Für den Bankier ist der Witz mit dem Witz erledigt, er läßt sich nicht in seiner Behaglichkeit stören, und würde er gestört, so fände er kaum den Mut zum Scherzen. Das jüdische Volk aber hat sich sein Lachen etwas kosten lassen. Hinter diesen Witzen liegt die abgeschlossene Enge, das sittliche Elend einer im Golus gereiften Welt, ihre kleinen Aengste und kleinen Hoffnungen, ihre Pietät und ihr Drang nach neuer Kultur, ihr aneezüchteter Instinkt und ihr dunkler Wille zu einem besseren Ideal, — die Tragik des Judenschicksals, die durch die Emanzipation erst neu geboren wurde, wird hier klar erkannt und unerbittlich empfunden. Man muß nur hinreichend empfindliche Ohren haben, um zu hören, wie aus jedem Schnorrer, jedem Schadchen, jeder verkauften Braut die Kinder Israels zu Qott schreien und in den erbarmungslosesten Akzentuierungen immer wieder eine Befreiung von dem Ghettoalp ersehnen, der auch jetzt noch ihr Ehrgefühl im Verdienen erstickt und das jüdische Herz nur an Feiertagen zuläßt. Und man wird verstehen, daß diese ungeschriebene Geschichte der Emanzipation, die vom Chederjüngling zum modernsten Bankdirektor reicht, daß dieser echte Volkswitz, den jeder weitererzählt, weiterpointiert, mit seinen Erfahrungen ausstattet, ein ebenso echter Volkshumor ist. Denn in ihm drückt sich umgekehrt doch wieder mehr aus als nur die Erkenntnis jener Tragik. Mit ihm wird zwar alles Judenleid immer wieder geboren, aber wie jeder wahre Humor sucht er es zu überwinden, es füllt ihn nicht mehr aus, er sieht es innerhalb von hundert nebensächlichen komischen Gruppierungen, die plötzlich auch da sind, auch ein Recht verlangen und dem Leiden seine Bedeutung gründlich bestreiten. Cervantes läßt am Ritter Don Quichote die Unzulänglichkeit alles Menschlichen aufs Tiefste erleben, und Windmühlen genügen ihm, um das Tragische auszulöschen, als wäre es nicht da, und der Verzweiflung mit einem Gelächter zu antworten. Das jüdische Volk hat bisher so gewaltige Symbole nicht erfunden, es verfügte nur über ein talmudisch arbeitendes Hirn und begnügte sich mit den Anlässen seines beschränkten Alltags. Aber es zeigt im jüdischen Witz seine Art und seinen Mut, sich mit einem drückenden Geschick abzufinden; indem es die eigenen Schwächen so blutiggeißelt, indem es ein Lachen dafür findet, stellt es sich schon über diese verwahrloste Welt und nimmt ihr ihre Aussichtslosigkeit. Und man muß es seinen Witzen lassen, daß sie

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