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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-04-01 · 3 (April 1913) · p. Seite 82

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
3 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 82 (sequence 8)
Language
German
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82 No. 3 Ghetto und Berlin W., die Ritualien und den Weihnachtsbaum, und zeigt noch an dem Gebrauch, den seine Geschöpfe vom lieben Gott machen, daß sie seine Züchtigungen vollauf verdienen. Mit solchen Typen wird gewiß nur über die Schwächen des jüdischen Volkes etwas ausgesagt und über seine wirkliche Leistung alles verschwiegen. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß das letzte Jahrhundert der jüdischen Geschichte an ihnen arg gelitten hat. Die Ghettokultur erzeugte sie in erschreckender Menge, und die Emanzipation verhalf ihnen vollends durch Entziehung des Milieus, das allein mit ihnen versöhnen konnte, zur traurigsten Blüte. Den jüdischen Witz kann man für diese Entwicklung nicht gut verantwortlich machen, er spricht nur aus, was das Leben ihm an Stoffen zuführte. Man überlasse es getrost dem jüdischen Liberalismus, ihn zynisch und seine Atmosphäre überhaupt eines Weltbürgers unwürdig zu finden, weil er Zusammenhänge berede und maßlos verzerre, von denen doch jeder loskommen wolle. Wir andern können nicht so eilig an der Tatsache vorbei, daß dieser Witz noch immer für jeden Juden eine lebende Sprache ist, wir sehen ihn genauer an und finden im Gegenteil: die Zustände, die er schildert, wären ohne ihn um vieles erbärmlicher, und seine Gestalten werden gerade erst erträglich, indem er über sie lacht. Ja, dies Lachen erhält eine über den Einzelfall weit hinausgehende Perspektive, es umfaßt das ganze Volk und wird — zum Humor. Es ist viel Tinte darüber vergossen worden, den Humor vom Witz reinlich zu scheiden, und wenn dies geglückt war, den Juden zwar Witz in jeder Größe zuzusprechen, Humor dagegen völlig zu versagen. Gerade der hier behandelte Witz wird, auch wo man ihn ganz objektiv nach seinem Kunstwert beurteilt, für besonders beweiskräftig gehalten, man tut ihn immer wieder als Wortwitz, bestenfalls als Kombinationswitz ab, der mit einem Augenaufschlag des Verständnisses erledigt ist und sich vor den wirklichen Schöpfungen des Humors in den äußersten Winkel aller Literatur zurückziehen muß. Dann freilich wäre nicht viel von ihm zu sagen. Denn es lohnt sich natürlich nicht, abzuschätzen,- welche Pointe besser geglückt sei: die Bewunderung jenes Schnorres, der vor Rotschilds prachtvollem Grabdenkmal ergriffen ausruft: „die Leute leben!“, — oder die Güte des Prinzipals, der den Lehrling bei einem Griff in die Portokasse ertappt und jede Entschuldigung mit den Worten überflüssig macht; „Wir haben alle klein angefangen“. Aber wenn man schon den ersten Witz als ein bescheidenes Wortspiel preisgibt (obwohl auch hiergegen Einwände bestehen), der Wert des zweiten liegt bestimmt nicht in der bloß kombinierenden Verbindung zwischen dem Diebstahl des Lehrlings und der Karriere, die der Chef auf Grund eines ähnlichen Anfangs gemacht hat, also nicht in dem eigentlich Witzigen, das sich an Wort und Situation hängt und ihnen frohlockend das Genick umdreht. Dieser Witz tut mehr, denn er enthält noch in dieser Uebertreibung eine ganze Welt von Prinzipalen, die alle das Zeichen des Verdienens an der Stirn tragen, Geschöpfe einer steckengebliebenen Kultur, für die die Begabung sich in der Fähigkeit zu späterm Reichtum erschöpft. Es kommt weniger auf das an, was gesagt wird, als auf das, was man aus dem Gesagten für die handelnden Personen herleiten muß, und die Schlagkraft und Kürze des Witzes ist wirklich nur seine Würze, sie enthält durchaus nicht seine ganze Bedeutung. Solche Witze

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