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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-04-01 · 3 (April 1913) · p. Seite 81

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
3 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 81 (sequence 7)
Language
German
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No. 3 81 Aber man würde den Antisemiten viel zu viel geben und immerhin zu wenig lassen, hielte man sie im Ernst für fähig, eine so eindringliche und originale Welt wie das Gewimmel der jüdischen Witze aus dem Nichts auf die Beine zu stellen. Der kleine Moritz läßt sich einfach nicht erfinden, man kann ihn nur dem Leben nacherzählen, und auch dies nur mit so hinreißendem Tonfall und solcher Fülle an Einzelheiten, wenn man selbst die Gegend erlebt hat, aus der er stammt. Dabei bleibt es wirklich unerheblich, ob ein feinhöriger Haß den deutschen Verbrecher hie und da in einen jüdischen Wucherer umfälschte. Es ist schon nicht anders: Der Wucherer kann aus der jüdischen Geschichte nicht gestrichen werden, es würde eine andere Geschichte, wenn' er weniger häufig und weniger scharf in ihr hervorträte, wenn er nicht immer mit demütiger Hand Gott gegeben hätte, was Gottes ist, und vom Kaiser genommen hätte, was er kriegen konnte. Ich sehe auch keinen Grund, seinen Vetter, den Schadchen, wie es meist geschieht, mit etwas mehr Wohlwollen zu behandeln; denn obschon er zum Strafgesetz viel harmloser steht, macht er doch aus der Liebe immerhin ein Geschäft und aus den Individuen eine Ware. Der jüdische Witz aber hält bei dieser Gestalt noch nicht an, er räumt gründlicher auf, er blickt tiefer und findet, daß auch all die Individuen, die eine Mitgift suchen, und die, die sich einen Mann verschreiben lassen, einen solchen Schadchen redlich verdient haben. Wenn dem armen Bocher die reiche Braut angetragen wird, dann schließt er sofort auf einen körperlichen Fehler, weil innere Veranlagung ihm keinen Ausgleich für Mittellosigkeit zu bieten scheint. Und der „Tate“ und die „Mamme“, die am Feiertag alle jüdischen Hausgeister ins Speisezimmer beschwören, um ihre schiefe Tochter dem Freier angenehm zu machen, suchen ihm zuletzt doch noch die Mitgift und gleichzeitig dem Schadchen die Provision zu kürzen, weil ein und dasselbe Glück sich steigert, ie weniger es kostet. Der jüdische Witz ist nicht fein, er kennt zwar auch die Liebe der Eltern zu den Kindern, er läßt dem Schadchen alle Betulichkeit und dem lumpigsten Medinegeier das jüdische Herz, — aber er verlegt beharrlich das Gefühl hinter das Geschäft, und er wird noch unbarmherziger, wo er seine Typen aus der jüngsten Vergangenheit nimmt. Der Kommis der Großstadt, der beherzt den Sprung vom kleinen Moritz zum „besseren Herrn“ gewagt hat, redet immer noch, „wie ihm die Hände gewachsen sind“, und schlägt als Prinzipal oder erste Kraft durch seine Schnoddrigkeit und Verschmitztheit jede Konkurrenz. Wenn er Glück hat, wird er Kommerzienrat, er läßt sich vielleicht taufen und stellt im Garten seiner prachtvollen Villa jene Wölfin auf, „wie sie säugt dem Romeo und die Julia“, aber er fällt doch zu oft selbst aus dieser durchsichtigen Rolle, und Jeder jüdische Schnorrer merkt sehr bald, daß er ihn eigentlich duzen müßte. Es ist eine geschlossene Welt innerlich irgendwie zu kurz gekommener Menschen, die der jüdische Witz festhält, er zählt ihnen schonungslos, mit grausamer Genauigkeit ihre Schwächen an den Fingern her, er kennt alle Gemeinheiten, die sie je begangen, alle Winkel des Ghetto, in denen sie je gesteckt, und wenn man glaubt, er sei zu Ende, hat er immer noch einige neue Pfeile zu versenden. Vom schwierigsten Minjenmann der kleinsten Khille bis zum großen Rothschild in Frankfurt Ist für diesen allwissenden Witz nur ein Schritt, er fängt sie und hängt sie alle am selben Nagel auf, er vereinigt spielend den Orient mit dem Occident, das

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