Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 3 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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80 No. 3 Volkstum durchgemacht hat, und die noch nicht beendet ist. Von weiten Kreisen unseres Volkes wurde der Volkszukunftsglaube über Bord geworfen und gar aus den Tempeln gewiesen, wo ihm ehedem eine Stätte bereitet war. Es ergab sich aber ferner, daß jener Glaube, in den vergangenen schweren Zeiten des Golus den jüdischen Volkskörper so stark und lebendig erhalten hat, daß er es vollbrachte, den Willen zur Volkstat in dieser kritischen Zeit aus sich heraus zu schaffen und damit einer unbedingten, nationalen Notwendigkeit zu genügen. Die Schaffung des Tatwillens ist das Verdienst unserer Tage. Damit hat der Nationalitätsgedanke die natürliche Schwungkraft erhalten, die der passive Glaube an die Erneuerung allein nicht erzeugen konnte, Und es ist ihm gelungen, den Organismus des jüdischen Volkes über den toten Punkt zu bringen. Nunmehr ist der Glaube an die nationale Wiedererstehung unverhüllt in das Licht der Gegenwart getreten. Er kann jetzt der religiösen Verkapselung entraten, um standhaft zu bleiben; denn die lebendige Tat beilügelt ihn. Und in dieser reinen Gestalt ist er wiederum die sicherste Grundlage für einen zielfreudigen Zukunftswillen der Nation. Beide vereint — der Glaube an die Wiedergeburt unseres Volkes und der Tatwille zur Volkserneuerung bilden den einzig möglichen, durch das Golus bedingten Inhalt des jüdischen Nationalismus der Gegenwart. In ihrer Vereinigung sind sie eine Zukunftsbürgschaft und schaffen sie die Kräfte, welche die Bahn frei machen für die Entwicklung eines lebendigen Judentums und so die Renaissance unseres Volkes vorbereiten. Schon jetzt ist ein ungeheurer Reichtum von nationalen Kräften am Werke. Volksquellen fließen wieder, die man längst versiegt wähnte. Doch sind das alles erst Anfänge. Aber das Ziel ist in unsern Horizont gerückt. Wir Gegenwärtigen haben die Gewißheit, daß das machtvolle Ringen aller wirkenden Volkskräfte ein stammesstolzes, von der volkszerstörenden Assimilation nicht angekränkeltes, innerlich freies Judengeschlecht herauffuhren wird. Uns ist in diesem Ringen die beglückende Aufgabe geworden, Schrittmacher zu sein. Der jüdische Witz. Von Siegfried Weitzmann, Charlottenburg. Der jüdische Witz, wie wir ihn alle im Ohr haben, der immer noch die trostlosesten Lustspiele herausreißen muß und windigen Cabaretgeistern ihre Existenz ermöglicht, — dieser Witz wird meist wie ein Stiefkind des jüdischen Geistes behandelt. Man erzählt und belacht ihn, aber man hält sich in entsprechender Entfernung, man nimmt ihn mit der Linken und weist ihn mit der Rechten weit von sich, als eine schmutzige Erinnerung, ein falsches Lied aus einer vermauschelten Welt, dem man eigentlich kein Hausrecht gönnen dürfte. Ja, die ganz Gerechten schlagen nur die harmlosesten Fälle zum Judentum, bei denen es mit dem Allgemein-Menschlichen getan ist, und halten all jene bitter deutlich dem Milieu entbundenen, also die wirklich jüdischen Witze, für antisemitische Erfindungen, geschaffen, um das jüdische Volk für alle Zeit menschlich und moralisch zu entwerten.