Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 3 (April 1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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78 No. 3 der Ruhe ist es fast unmöglich, solche nationalen Aufgaben abzugrenzen. Denn es gehört alles dazu, was zum Schutze, zur Wohlfahrt und Größe des Volkes geschieht. Bestimmter und enger wird der Komplex der nationalen Gegenwartsaufgaben in Zeiten der Gefährdung nationaler Güter. Die Gefährdung verlangt eine Konzentration der nationalen Kräfte auf den angegriffenen Punkt. Und die Arbeiten zur Beseitigung der Störungen und zur Befestigung der Positionen sind in solchen Zeiten als nationale Aufgaben besonders herausgehoben. Das ist das Bild des Nationalismus im normalen Völkerleben. Und das jüdische Volk machte hiervon keine Ausnahme, solange es territorial zusammengeschlossen leben durfte. Man begegnet häufig der Ansicht, daß das jüdische Volk mit der Zerstörung seines Staatswesens in Palästina aufgehört habe, als Volk zu existieren. Um diese Ansicht zu widerlegen, genügt es keineswegs, darauf hinzuweisen, daß überall Fragmente dieses Volkes verstreut leben. Es genügt auch nicht der Hinweis, daß die wiederholt auseinandergerissenen und umhergeworfenen Volksteile sich befähigt gezeigt haben, als Fragmente sich zusammenzuschließen und ein Sonderleben zu führen. Und selbst die Tatsache, daß ein gemeinsames religiöses Band die durch ein unbarmherziges Geschichtswalten zersprengten Volksstücke umschlungen hielt, würde keinen Beweis für jüdisches Nationalleben abgeben. Wäre nichts weiter vorhanden, so wäre im Golus von der stolzen Nation eben nur eine jüdische Religionsgemeinschaft übrig geblieben. Um den Fortbestand des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte der Diaspora festzustellen, muß gezeigt werden, daß die räumlich getrennten Teile trotzalledem eine Volkseinheit gebildet haben, daß die nationale Individualität unzerstört geblieben ist. Die nationale Individualität muß erkennbar sein aus ihren geschichtlichen Ausstrahlungen. Und es muß sich darin in reiner Gestalt, wenn auch durch die Volkslage bedingter Form die Volksindividualitätstendenz — der Nationalismus offenbaren. Denn der Nationalismus ist der Lebensbeweis des Volkes. Sein Schwinden bedeutet nationalen Tod. Und wäre die Volkszukunftstendenz — nichts anderes ist ja der Nationalismus — in den zersprengten Volksteilen durch die letzten zwei Jahrtausende nicht lebendig geblieben, so hätte das geschichtliche Dasein unseres Volkes längst seinen Abschluß gefunden. Es ist einleuchtend, daß das konkrete Ziel des Nationalismus durch die Goluslage des Volkes wesentlich beeinflußt werden mußte. Hier handelt es sich nicht um die Gefährdung eines nationalen Gutes, die eine Konzentration der Kräfte erheischte, sondern um einen Zustand, der die Gefährdung der Nation in ihrem Bestände bedeutet. Die im Wesen des Golus liegende permanente Bestandgefährdung hat die normale Struktur des Volkskörpers zerstört und ihn unfähig gemacht, die in ihm ruhenden Anlagen und Energien zu entfalten. Diese Situation mußte dem Volkskörper, wenn er sich nicht zur Entsagung und Verzweiflung verurteilte, die nationale Richtung weisen, mußte dem Nationalismus den Zeitinhalt geben. Die jüdische Geschichte weiß nichts von Volksentsagung und Verzweiflung. Der überall vielmehr sich kundgebende Optimismus im ganzen Verlaufe des Goluslebens deutet darauf hin, daß ein Zukunftsgedanke W Volke lebendig war. Und lediglich dieser Gedanke würde den konkreten Golusinhalt des jüdischen Nationalismus ausmachen und das durch die Jahr-