Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 2 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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50 No. 2 lesen), ein dritter beginnt mit „la“ Soupe, mit der Suppe, denn Saloniki kennt nur eine Perle dieser Art, in der stets ein Viertel Huhn schwimmt. Man spricht von dem, man spricht von was anderem, z. B. vom neuesten Film im „Cinema Pathö“ oder auch von dem verrückten Neger im „Park Union“, oder vom Unterricht oder — Herrgott von irgendetwas muß man doch sprechen. Das heißt, es gibt da ja auch Leute, die das Sprechen nicht nötig zu haben scheinen. Da ist z. B. Mister Qreen (ich weiß heut noch nicht, warum wir den russischen jungen Mann stets „Mister“ nannten), der hat sieben verschiedene hebräische Zeitungen aus der Tasche gezogen und wird erst wieder genießbar sein, wenn er sie vom ersten bis zum letzten Wort verschlungen hat. Dann wird der jetzt so Schweigsame sehr beredt werden, und wird in sinnverwirrend schnellem Hebräisch über die neuesten Debatten der Poale Zion im Beth Am zu Jaffa berichten. Und Schalom Kohen, der kleine, sympathische Kollege wird mit klugen Augen den erregten Worten lauschen und wird sich zum tausendsten Male wundern über dieses unheimliche Feuer, das in „diesem Russen“ glüht. Und dann beginnt für mich wieder die Stunde der Beschämung, denn im Eifer spricht man hebräisch, hebräisch, nur hebräisch, und ich sitze da und freue mich, wenn ich mal ein einziges armseliges Wörtchen verstehe, und wenn ichs gar nicht mehr aushalten kann, dann trete ich einem aus Versehen auf den Fuß oder greife nach dem Aschbecher und sage dann, als sei auch mir der Schnabel hebräisch gewachsen: „S’lichah!“ Pardon! — und hol mich dieser und jener, wenn sichs nicht anhört, als habe ich mich wirklich nicht fünf Minuten auf den Augenblick gefreut, in dem ich mir die Teilnahme am Gespräch durch dieses „S’lichah!“ erzwingen werde. Im übrigen schweige ich, und bleibe so ein Philosoph. Alle sind sie schon da, die unsere allabendliche Tafelrunde bilden, oder wenigstens moralisch dazu verpflichtet sind. Es sind sogar Ehrengäste erschienen. Da ist Levitschka Cohen und seine schöne blonde kleine Frau Jonina, die einen Stab von aufrichtigen und treuen Verehrern hat, um densie die Frau des Direktors der Filiale der Bank von Athen beneiden kann, und das will was heißen. Die beiden und meine Wenigkeit vertreten die Schule des „Hilfsvereins“. Die „Talmud Tora hagadol" ist vertreten durch ihre Inkarnation in Fleisch und Blut, durch ihren Leiter Isaak Eppstein, wer ihn sieht, denkt sofort an seinen großen Landsmann Tolstoi. Der jüdische Orient kennt Isaak Eppstein als eine seiner stärksten und mächtigsten Säulen. Ich zweifle, daß es noch einen Menschen gibt, der so daß Zeug zum modernen Apostel hat wie er. Unglaublich anspruchslos in seinen persönlichen Bedürfnissen (wer hat Eppstein je in einem Rock von modernem europäischen Schnitt gesehen?), scheint er vom Leben nur das eine zu fordern: Arbeit, unermüdliche Arbeit. Komm zu ihm, wann du willst, er arbeitet immer. Ist die Schule aus, dann sitzt der Mann mit diesem wunderbaren Philosophenkopf, den man mir schon gerühmt hatte, ehe ich ihn kennen lernte, in Hemdsärmeln da und schreibt eine pädagogische Abhandlung für den „Hachinnuch“ oder feilt in der Kladde zu einem modernen hebräischen Lehrbuch. Und immer bemüht, selbst neues zu lesen und kennen zu lernen. Ich erinnere mich, ihm einmal Rudoii Euckens „Wert und Sinn des menschlichen Lebens“ gezeigt zu haben. Er hätte es gern gelesen, aber seine Gewissenhaftigkeit verbot ihm, sich nennenswert