Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 2 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 47 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492379-5965024-5965353--060-4922250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 2 47 nalen Erhebung in seiner allgemeinen Bedeutung als ein Beispiel nehmen, aus dem wir den Sinn der Weltgeschichte lesen können. Es mag etwas kühn dünken, wenn wir die Lage des deutschen Volkes vor 1813 mit der Lage des Judentums von heute vergleichen. Politisch stimmt der Vergleich sicher nicht; das deutsche Volk mag in viele kleine staatliche Körper zerrissen gewesen sein, es mag unselbständig gewesen sein und unter der Faust des feindlichen Bedrückers geschmachtet haben, aber dies mit der politischen Nichtexistenz, der Heimatlosigkeit des vertriebenen Judenvolkes in eine auch nur entfernte Prallele zu setzen, wäre lächerlich. Und dennoch preßt es uns immer das Herz zusammen, wenn wir hören, wie die großen Wecker der Deutschen vor 100 Jahren zu ihrem Volke redeten. In einer Zeit nationaler Schmach war das deutsche Volk zu der tiefsten Stufe gesunken, die man für eine Menschengruppe denken kann; zum Sich-bescheiden und Sich-bequemen im Schmutz, wenn nicht gar zum nationalen Verrat. „Dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manchen Selbstdenkens überhebt.“ Diese schmerzliche Beobachtung mußte damals der um sein Volk besorgte Fichte machen. Der unglückliche Ausgang des preußischen Krieges von 1806 hatte auf das deutsche Volk geradezu zermalmend gewirkt. Doch war das deutsche Volk damals zum Sieg nicht reif gewesen, ln Jena hörte man an den deutschen Wachtfeuern: „Für Vaterland zu sterben wünscht mancher sich; zehntausend Taler erben, das wünsche ich mich. Das Vaterland ist undankbar — und dafür sterben? O du Narr!“ Es gab nur kleinliche Sonderinteressen, ein jeder war besorgt nur um sein materielles Wohlergehen. Die mißverstandenen Ideen des Aufklärungszeitalters von Kosmopolitismus, von Individualismus waren zur Qemeinheit entstellt worden, und so kam es, daß man auch die Situation nach dem Tilsiter Frieden, sofern es sich nur sonst behaglich lebte, ganz annehmbar fand. Aber da geschah das Ungeheure: An eins, zwei, drei .... Stellen, an allen Ecken und Enden erstanden plötzlich die Rufer, die Redner, die Wecker, wie ein Sturm fuhr es in die träge Masse, es brach ein Leben, eine Bewegung hervor, wie sie nie zuvor gesehen ward. Die furchtbare Gefahr, die schmähliche Gesinnung, in der sie ihr Volk sahen, erzeugte in den Seelen der Großen eine Sehnsucht und ein Pathos, das sich mit elementarer Gewalt zur Wirkung durchrang. Man sah, daß jetzt ein Eingriff nottue, und Fichte ging soweit, folgende Fragen zu formulieren: 1. Ob es wahr sei oder nicht wahr, daß es eine deutsche Nation gäbe und daß deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen dermalen in Gefahr sei? 2. Ob es der Mühe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten? 3. Ob es irgend ein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gäbe und welches dieses Mittel sei? Und der feurige Mahner Ernst Moritz Arndt sagte: „Unwissenheit und Aufgeblasenheit haben den letzten deutschen Staat zerstört und dazu jene Faulheit, das gefährlichste Laster der Sterblichen, die nichts Besseres will, als die Väter hatten und taten. Wer still steht, geht zurück: wer auf Lorbeeren ruht, die er nicht brach, liegt wohl auf einer schönen Bärenhaut. Nur wer immer mehr tun will, als schon getan ist, wird das tun, was er kann. ■ ■ Man hat uns Weltmenschen, allgemeine Philosophen, Kosmopoliten