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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-03-01 · 2 (März 1913) · p. Seite 44

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
2 (März 1913)
Date
1913-03-01
Page
Seite 44 (sequence 10)
Language
German
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44 No. 2 unseren Ahnen in Palästina und im Ghetto beruht auf einem gefährlichen Sophismus. Es gibt Zeiten, in denen bestimmte Dinge Selbstverständlichkeiten sind. Man braucht sie dann nicht erst auszusprechen, und sie entschwinden so allmählich dem Bewußtsein, um sich im Unterbewußtsein immer fester zu verankern. Dann kommen aber Epochen, wo eine solche Selbstverständlichkeit ins Wanken kommt oder schwindet, und sofort wird es dann zur Pflicht, sie auszusprechen und sich offen zu ihr zu bekennen. Im alten Palästina und im Ghetto war das Judentum für jeden Juden eine Selbstverständlichkeit. Das Wort Jude besass einen wohl bestimmten Inhalt, der für jeden Einzelnen in gewissen Nuancen schwankte, aber im grossen und ganzen doch klar und sicher selbstverständlich war. Wenn ein Ghettojude sagte: Ich bin Jude, dann bedeutete ihm dieses Wort einen großen Komplex von Ideen und Gefühlen, von Pflichten und Postulaten, eben jenen Komplex des Ghettojudentums worin das Nationalbewusstsein und religiöser Glaube mit tausend anderem enthalten war. Nun kam die Emanzipation und mit ihr die Assimilation. Und begann diesen grossen Komplex allmählich zu entleeren. Eine Idee wurde nach der anderen hinausdrängt, ein Gefühl nach dem zweiten vernichtet, und zuletzt blieb nur noch der Name. Den behielt man. Soviel jüdisches Bewußtsein war eben noch geblieben, dass man den Namen nicht fortwerfen wollte, was ja den endgiltigen Bruch mit dem Judentum bedeutet hätte. Und so wurde der Begriff Jude im 19. Jahrhundert zu einem leeren Wort, zu einer Schale ohne Kern, zu einerfi Namen ohne Inhalt, eine reine Signatur. Als nun die nationale Regenerationsbewegung einsetzte, bestand ihr Ziel, ihre Aufgabe in nichts anderm als darin eben, diesen leeren Namen wieder zu füllen, dem Wort: Jude und Judentum wieder einen Inhalt zu verleihen. Diesen Inhalt sollte das nationale Bewusstsein bilden, daher die Forderung: Bekenne Dich als Nationaljuden. Der Ghettojude brauchte sich nicht Nationaljude zu nennen, weil er es selbstverständlich war. Wir sind es nicht mehr selbstverständlich, daher müssen wir uns dazu bekennen, müssen uns laut und deutlich als Nationaljuden bezeichnen, solange bis das Nationaljudentum uns wieder zur Selbstverständlichkeit geworden sein wird. Von einem jüdischen Bauern in Palästina, in jüdischem Milieu geboren, fordert niemand das ausdrückliche Bekenntnis als Nationaljude; aus seinem Munde würde es nur lächerlich klingen. Für uns aber, die wir nicht in einem solchen Milieu leben, ist dieses Bekenntnis heiligste Pflicht. Also: Die Forderung des Bekenntnisses zu einem bestimmten Judentum — lassen wir dahingestellt sein, ob dieses bestimmte Judentum das nationale oder orthodoxe oder selbst das liberale ist — ist heute ein kathegorisches Postulat. Und der Standpunkt des Judentums schlechthin ist nichts weiter als eine Fortsetzung der Assimilation. Man weigert sich, sich als bestimmten Juden auszugeben, weil man eben mit seinem Judentum keinen Inhalt verbinden will. Man will Jude bleiben, ohne es innerlich zu sein, will den Namen tragen, ohne die Konsequenzen daraus zu ziehen. Dies aber und nichts anderes macht das Wesen des Assimilationsjudentums aus. Sprechen wir es also als sichere Tatsache aus: Das Neutralitätsjudentum ist ein und dasselbe mit dem Assimilationsjudentum.

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