Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 2 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 43 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 2 43 duf seinen logischen Gehalt, seine historische Entstehung und psychologische Motivierung hin zu prüfen. Jeder, der sich einmal mit der Systematik und Klassifizierung der Bekiffe beschäftigt hat, weiß, daß es Begriffe gibt, die für sich allein nicht existieren können, die nur dann Sinn haben, wenn sie mit einem anderen Begriffe koordiniert auftreten; Begriffe also, deren Relativität die Grundbedingung ihrer Existenz bildet und die in dem Moment sinnlos, inhaltlos, bloße Worte werden, da man/sie verabsolutiert. Zu dieser Kategorie gehört auch der Begriff der Neutralität. Neutral an sich sein, ist eine Absurdität; Neutralität hat nur dann einen Sinn, wenn sie auf der Basis eines anderen Prinzips geübt wird. Daß die nationale Bewegung beispielsweise allen religiösen Fragen und Differenzen gegenüber strikte Neutralität bewahrt, ist durchaus verständlich; oder daß irgend eine aesthetische Vereinigung allen Politischen Fragen gegenüber sich neutral verhält, ist ebenso verständlich, denn in beiden Fällen ist ein deutliches Prinzip vorhanden, auf dessen Basis die Neutralität beobachtet wird. In diesem Sinne ist das Prinzip der Neutralität sogar eine unumgängliche Notwendigkeit für jede kollektive Gruppe. Es kann keine Vereinigung in der Welt geben, die nicht zu bestimmten Gebieten sich neutral verhielte. Sinnlos wird das Neutralitätsprinzip aber in dem Momente, da es nicht mehr ein sekundäres, auf der Basis eines anderen Positiven Prinzips beruhendes ist, sondern zum Grundprinzip selbst erhoben oder mit diesem verschmolzen wird. Dieser zweite Fall aber ist derjenige der jüdischen Organisationen, die die Neutralität so eifrig verfechten. *ragen wir einen Vertreter einer dieser Organisationen, etwa einen überzeugten Jugendvereinler, nach dem positiven Prinzipe seines Verbandes, so wird er antworten: Es ist das Judentum. — Welches Judentum? Das nationale, das orthodoxe, das liberale? — Keineswegs, sondern das Judentum schlechthin, das Neutralitätsjudentum. Hier ruht eben der Kern der ganzen Frage; Das Prinzip der Neutralität wird mit dem Grundprinzip zu einem einzigen verbunden, und so entsteht jenes seltsame Gebilde des Neu- Valitätsjudentums oder des Judentums schlechthin. Diese Vorstellung, dieses Ideal eines Judentums schlechthin, eines udentums ohne besondere Benennung, scheint mir der gefährlichste Geanke zu sein, den das moderne Judentum überhaupt kennt. Er ist das Uebel aller Uebel, und ist um so gefährlicher als er scheinbar so harmlos ist. Oder •ingt es nicht verdammt klug und richtig, wenn man die Meinung hört; »Wir wollen keiner Gruppe, keiner Richtung im Judentum angehören. Wir stehen über den Parteien. Wir sind nicht national, nicht orthodox, nicht •beral, wie sind Juden, und unser Standpunkt genügt uns.“ Die scheinbare erechtigung eines solchen Standpunktes ist so groß, daß selbst gute, ehrliche Nationaljuden ihn akzeptiert haben und es für gar nicht so nötig Machten, die Juden zur offenen, klaren Anerkennung des Nationaljudentums zy. erziehen. Es genüge, sie zu guten Juden zu machen. Denn schließich — wird cjann zum Beweis gesagt — waren ja all unsere Ahnen auch nur Juden, Juden ohne Signatur. Hat ein Jeremias, oder Jehuda Halevy S'ch als Nationaljude oder Raschi als orthodoxer Jude bekannt? Sie waren Juden schlechthin. In diesem historischen Argument ruht aber schon der ganze grosse rrtum dieser Anschauung, und der Vergleich von uns heutigen Juden mit