Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 11/12 (11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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212 No. 11-12 Dies mußte naturgemäß die wichtigsten Folgen haben. Eine solche alles beherrschende Stellung der Religion, wie sie niemals wieder in Erscheinung getreten ist, mußte sowohl für die Psyche des Galuthjuden wie für die Entwicklung der Religion selbst von der einschneidendsten Bedeutung werden. Betrachten wir zunächst die Folgen für die Psyche des Galuthjuden. Die wichtigste war die, daß der Galuthjude infolge dieses Einflusses der Religion fast mit Notwendigkeit Persönlichkeit wurde. Denn da die Religion ihm alles gab und so sein ganzes Leben bis in seine geringsten Aeußerungen beherrschte, diese Religion aber in sich streng geschlossen und einheitlich war, war es nur selbstverständlich, daß auch das Leben des Juden Geschlossenheit und Einheitlichkeit erhielt, daß auch seine Natur im vollsten Sinne abgerundet und harmonisch wurde. In der Art, wie der Jude Persönlichkeit wurde, liegen die besonderen Eigenarten der Galuthpersönlichkeit begründet. Vor allem: er ist passive Persönlichkeit. All die Vorstellungen, die wir heute mit dem Begriff der Persönlichkeit verbinden, also Aktivität, Tatkraft, Energie, Selbständigkeit, treffen bei ihm nicht zu. Denn er hat sich ja nicht selbst zur Persönlichkeit gebildet, sondern ist durch den alles beherrschenden inneren Zwang der Religion gebildet worden. Er bildet eigentlich nur ihre Verkörperung. Was in ihm spricht, lebt, wirkt und handelt, ist sie, die Religion. Er ist nur Werkzeug in ihrer Hand. Sie ist die einzige aktive Kraft, der gegenüber jeder einzelne zur Passivität verurteilt ist. Und noch ein anderes folgt daraus: Alle Persönlichkeiten des Galuth sind sich gleich. Denn sie sind alle aus der einen Schule hervorgegangen und haben alle genau dieselbe Entwicklung durchgemacht. Kennt man einen, so kennt man alle. (Von den einzelnen großen Individualitäten sehe ich natürlich ab; das ganze gilt nur für den durchschnittlichen Galuthjuden, und auch für ihn nur im großen Ganzen. Ausnahmen gibt es hier, wie bei allen psychologischen Konstatierungen, natürlich in großer Zahl.) Der Galuthjude ist Persönlichkeit, aber nicht Individualität. Er ist nicht einzigartig, sondern Typus. War so die Religion die einzige Ursache für die innere Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Galuthjuden, so bildet sie auch den alleinigen Erklärungsgrund für seine äußere, scheinbare Gespaltenheit, für die äußere Dualität seines Wesens. Betrachtet man nämlich den Galuthjuden, besonders den Ghettoluden, näher, so wird er auf den ersten BHck als seltsam gespaltenes Doppelwesen erscheinen. Bald wird man ihn beobachten können, wie er zitternd, gebeugt, demütig vor dem Nichtjuden steht, wie er sich alles von ihm bieten, wie ein Hund sich treten und peitschen läßt — eine scheinbar würdelose, allen inneren Haltes ermangelnde Sklavennatur. Und dann wieder sieht man ihn stolz sich für seine Religion hinopfern, mit unvergleichlichem Heroismus für seine Ideale in den Tod gehen, mit der Willenskraft eines Titanen noch auf dem Scheiterhaufen sein „Sch'ma Israel" rufen, eine überwältigende, einzigartige Heldennatur. Woher kommt dieser Oegensatz, der schier unbegreiflich ist? Nach dem vorher Gesagten Ist er leicht erklärlich. In dem einen Falle steht er außerhalb der Sphäre seiner Religion, es fehlt ihm somit sein Sicherheitsbewußtsein, er ist als Wurzelloser der Schwächere gegenüber dem bodenständigen Nichtjuden. Kaum