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Jüdische Turnzeitung · 1912-11-01 · 11/12 (11.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
11/12 (11.1912)
Date
1912-11-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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No. 11-12 213 aber rührt man an seine Religion, kaum befindet er sich in seiner Welt, kaum hat er sein Sicherheitsbewußtsein wiedererlangt, da zeigt er all die wunderbaren Kräfte seiner Natur, da kann er sich geben, wie er ist, da erst ist er wieder Mensch. So lebt er äußerlich ein zweifaches Leben: das eine, das reale, als Sklave, und das andere, das ideale, im Glänze seiner Religion als Herr. Was uns aber als Zweiheit erscheint, ist es für ihn nicht. Denn die reale Welt existiert für ihn eigentlich nicht. Da ist er nicht er selbst, sie hat für ihn keine innere Bedeutung; darum kann sie auch ihn innerlich nicht demütigen und trüben. Sein Leben ist das der Religion. Da ist er ganz er selbst, ganz Jude, ganz Persönlichkeit. Da steht er da in seiner ganzen Geschlossenheit und Einheit: eigenartig, seltsam, einseitig und schroff, aber in seiner Geschlossenheit eine unvergleichliche Erscheinung. Welche Folgen hat aber diese einzigartige Stellung der Religion im Leben des Galuthjudentums für sie selbst gehabt? Es ist klar, daß sie von dieser Stellung, von dieser alles beherrschenden Rolle auch wesentlich beeinflußt werden mußte. Und zwar wird man a priori sagen können, daß die Folgen für sie selbst zum Teil nachteiliger Natur sein mußten. Denn was diese Stellung der Religion charakterisiert, ist ein ungeheures über sich selbst Hinauswachsen, eine sehr starke Ueberschreitung ihrer Grenzen und ihrer Kompetenz. Der Nachteil mußte aber zweifacher Natur sein: einmal für die Religion selbst, sodann aber für die anderen Faktoren des geistigen Lebens, die sie sich unterworfen und so ihrer Selbständigkeit beraubt hatte. Was die Folgen für die Religion selbst betrifft, so ist die vornehmste wohl die gewesen, daß die Religion im gewissen Sinne ihrer weihe entkleidet wurde. Dadurch, daß die Religion über die ihr eigene Sphäre hinausgewachsen war und nicht nur die tiefsten, heiligsten Bedürfnisse des Juden, sondern auch seine alltäglichsten befriedigen mußte, ward sie zum Teil aus der Sphäre der Heiligkeit in diejenige der Alltäglichkeit hinabgezogen. Etwas Alltägliches aber kann nicht mehr in höchstem Qrade heilig sein. Nicht nur hatte der Jude auf der einen Seite sich von der Welt des Irdischen in die des Himmlischen erhoben und dort die Wurzeln «schlagen, die ihm seinen Halt und sein Sicherheitsbewußtsein geben sollten, er hatte auf der anderen Seite auch den Himmel zu sich herabgezogen. Auch das Verhältnis des Juden zu seinem Gotte wurde dadurch teilweise seiner Weihe entkleidet. Ich möchte sagen: Der Qaluthjude verlor die Distanz zu seinem Gotte; er wurde mit Ihm gewissermaßen intim. Sein Gott war ihm alles; an ihn wandte er sich bei der banalsten wie bei der heiligsten Angelegenheit. Es ist klar, daß die scheue Ehrfurcht, das ängstliche Erzittern vor der Majestät der Gottheit darunter leiden mußten. Der Qott des Galuthjuden ist der liebende Vater, der helfende Tröster, der kraftspendende Freund, aber von jener Erhabenheit, jener kolossalen Größe, Jener imposanten Majestät, die er im alten Judentum hatte, ist viel geschwunden. Dies ersieht man aus der ganzen religiösen Literatur des Galuthjudentums. Sie ist gewiß tief empfunden, atmet das kindlichste Vertrauen zu Qott, aber das große Pathos, die imposante Wucht der Propheten, ja selbst die erhabene Schönheit der Psalmen mangelt ihr. Gott ist nicht mehr der Weltengebieter, der Herr der Sturmesgewalten, der in seiner Maiestät Unvergleichliche, den man nicht schauen kann ohne zu sterben, sondern er ist

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