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Jüdische Turnzeitung · 1912-11-01 · 11/12 (11.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
11/12 (11.1912)
Date
1912-11-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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No. 11-12 211 daß zwischen dem Menschen und der ihn umschließenden Wirklichkeit ein gewisses Band besteht, daß der Mensch zu der Natur, die ihn umgibt, ein gewisses Verhältnis gewinnt, daß er mit seinem Boden, mit seiner Umgebung verwächst. Hierdurch gewinnt er jenes Maß von Sicherheit, ohne das er nicht einmal existieren kann. Weil er eben den Boden, den er bewohnt, als den seinen empfindet, die Natur, die ihn umgibt, als ihm entsprechend ansieht, fühlt er sich in ihr sicher. Fehlt dieses Sicherheitsbewußtsein, so geht der Durchschnittsmensch moralisch und physisch zugrunde, der talentierte, höherstehende wird zu jenem Zwitterwesen ohne Halt und Basis, das wir als Boheme bezeichnen. Dieses zu aller normalen Existenz notwendige Sicherheitsbewußtsein fehlte nun dem Qaluthjuden. Das war ja die selbstverständliche Folge des Oaluth. Der Qaluthjude mußte ja seine ganze Umgebung, den Boden, auf dem er saß, als ihm fremd empfinden. Er fühlte sich durch die Tücke des Zufalls in ein Milieu versprengt, zu dem er gar kein inneres Verhältnis besaß noch gewinnen konnte. So fehlte ihm jeder Halt unter den Füßen, er schwebte gewissermaßen in der Luft. Ohne einen solchen Halt aber war sein Dasein unmöglich. Eine Pflanze ohne Wurzel verdorrt, ein Mensch ohne Sicherheitsbewußtsein geht zugrunde. Was tat er? Er benutzte den in sich abgeschlossenen Bau seiner Religion als Ersatz für das, was ihm die reale Welt nicht geben konnte. Das Sicherheitsbewußtsein, das er in der Realität des Alltags nicht gewinnen konnte, gewann er in der Welt der Religion. Er, der im realen Erdenleben haltlos in der Luft schwebte, gewann festen Halt in der Welt des Ueberirdischen, des Himmlischen, des Religiösen. Die Welt der Religion wurde ihm zur Wirklichkeit. Niemals in der Qeschichte — mit Ausnahme seltener mystischer Gestalten und Sekten — hat ein Mensch die Welt des Religiösen so unmittelbar, so greifbar, so konkret empfunden, wie der Qaluthjude die seine. Ihm war das Jenseits kein philosophischer Begriff oder eine poetische Phantasie oder religiöse Vorstellung, sondern greifbare Realität, in der er sich ebenso heimisch fühlte wie in seinem Erdenleben. Glaubte er doch oft genau den Platz zu kennen,, an dem er im Jenseits sitzen würde, die Nachbarn, die ihn umgeben würden. Und wie es mit dem Jenseits war, so war es auch mit den anderen Vorstellungen der Religion. Alles war ihm real, konkret, greifbar. Nun versteht man, warum die Religion diese zentrale Stellung für den Qaluthjuden haben konnte und haben mußte. Sie erst gab ihm Halt und Boden unter den Füßen. So ward ihm die Religion nicht ein metaphysisches Bedürfnis zur Befriedigung und Lösung innerer Zweifel und fragen, wie sie es uns ist, sondern zu einer ganz gewöhnlichen Notwendigkeit. Alles, was den anderen Menschen das reale Leben gab, gab ihm die Religion. Für jeden anderen Menschen ist die Religion ein Problem, für den Qaluthjuden war sie eine Selbstverständlichkeit. Jeder andere ringt sieh zur Relieion durch, der Qaluthjude kannte von vornherein nichts anderes als sie. Jedem anderen ist die Religion ein Bedürfnis für die zartesten und tiefsten Regungen und Empfindungen seiner Seele, ihm war sie d'e gewöhnlichste Kost; sie befriedigte ebenso seine alltäglichsten Bedürfnisse wie seine tiefsten; mit einem Worte: Die Religion war dem Qaluthjuden alles, im buchstäblichen Sinne des Wortes.

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