Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 11/12 (11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Die Religion im Galuth. Zur Psychologie des Galuthiudentums. Von stud. iur. Nachum ü o 1 d m a n n , Frankfurt a. M. Man hat uns Juden oft das Volk der Religion genannt und hat geglaubt, mit dieser Bezeichnung unser tiefstes Wesen, unsere innerste Eigenart erfaßt zu haben. Dieses Urteil kann nun im doppelten Sinne verstanden werden. In der Weise, wie es gewöhnlich aufgefaßt wird, im kulturellgeistigen Sinne, wonach es also besagen soll, daß unser nationaler Qenius in der Schaffung der religiösen Werte seinen vollsten Ausdruck gefunden und daß unsere nationale Schöpferkraft sich stets fast ausschließlich in der Religion offenbart hat und offenbaren wird. S o ist das Urteil falsch, zumindestens stark übertrieben. Denn wer die alte jüdische Literatur des palästinensischen Judentums überschaut, wird bei tieferer Betrachtung zu der Ueberzeugung gelangen, daß ihr eigentlicher Inhalt nicht der religiöse Monotheismus ist, sondern ihre grandiose Ethik; daß das Religiöse eher die Form ist, in der dieser Inhalt zum Ausdruck gelangt ist, die Schale, die den Kern fest umschließt, wenn allerdings auch nach Ansicht des alten Judentums Kern und Schale unzertrennlich zusammengehören. Geht man also vom Standpunkt der nationalen Schöpferkraft aus, so wäre es richtiger, uns das Volk der Ethik als das der Religion zu nennen. Dagegen gewinnt diese Betrachtung volle, fast buchstäbliche Wahrheit, wenn man sie nicht in geistig-kulturellem, sondern psychologischem Sinne versteht, wo es bedeuten will, daß im inneren Leben des jüdischen Volkes die Religion die zentrale, alles beherrschende Stellung eingenommen hat, und wenn man sie, so verstanden, auf das Qaluthjudentum anwenden will. Denn in der Tat: sein ganzes psychisches Leben dreht sich ausschließlich um die Religion, und so rätselhaft, so kompliziert, so unentwirrbar die Psyche des Üaluthjuden ist, wenn man sie nach dem Maßstab des heutigen Menschen beurteilen will, so klar, so einheitlich, so selbstverständlich erscheint sie, sowie man sie nur von dem zentralen Gesichtspunkt der Religion aus betrachtet. Die Religion ist der einzige Schlüssel zum Verständnis der Psyche des Galuthiudentums, und mit diesem Schlüssel den Zugang zu seiner Seele ein wenig zu öffnen, soll die Aufgabe dieser Skizze sein. Will man die zentrale Stellung der Religion im Leben des Galuthiudentums verstehen, so muß man von einem psychologischen Faktum ausgehen, das vielleicht die wichtigste Wirkung des Galuth überhaupt, des Ghettos im besonderen, in psychologischer Hinsicht darstellt: vom Mangel des Sicherheitsbewußtseins beim Qaluthjuden. Jeder Mensch muß als Voraussetzung all seines Schaffens und Daseins ein gewisses Gefühl der Sicherheit besitzen, das identisch ist mit dem, was wir Bodenständigkeitsbewußtsein nennen. Man kann in diesem Bodenständlgkeitsbewußtsein die Eigenschaft sehen, die Voraussetzung aller Zivilisation und Kultur ist. Alle Zivilisation beginnt ja mit dem Streben des Menschen, die ihn umgebende Wirklichkeit nach seinen Wünschen und Bedürfnissen umzugestalten. Damit aber dieses Streben Uberhaupt aufkommt, ist es nötig,