Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 9/10 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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192 No. 9-10 Nun haben wir aber alle die Erfahrung, daß nicht jeder Mensch diese notwendigen Voraussetzungen erfüllt, daß es eine Menge schwächlicher, von der Natur vernachlässigter Menschen gibt. Wir wissen, daß durch eine ganze Reihe von später auftretenden Krankheiten körperliche Gebrechen erzeugt werden können. Alle angeborenen Deformitäten, z. B. Tuberkeln, Kürze einer Extremität, angeborene Gelenkleiden, Muskel- und Knochendefekte u. dergl. bewirken, daß der Betroffene leistungsunfähig zur Ausübung von Leibesübungen bleibt. Ebenso treten eine große Reihe von Krankheiten auf, die eine Schädigung des Körpers bedingen können. Durch die Englische Krankheit werden Verlegungen des Rückgrats und der Extremitäten, durch Tuberkulose Gelenksteifigkeiten und Lungenerkrankungen, durch Rheuma Gelenk- und Muskelerkrankungen erzeugt. Schon während der Schulzeit wird mancher gefunden haben, daß eine Anzahl von Schülern und Schülerinnen vom Turnen befreit waren. Diese Kinder waren entweder nur schwächlich oder aber sie wiesen irgend welche körperlichen Fehler auf, wie Herz- und Lungenfehler oder Deformitäten des Skeletts u. dergl.. Hier setzt diejenige Betätigung von Leibesübungen ein, die wir als Heilgymnastik bezeichnen. Noch nicht lange Zeit ist vergangen, seitdem die Heilgymnastik aus den Händen der Kurpfuscher und ungebildeter Bandagisten in die des Arztes Uberging und so erst ihre wohltätigen Einflüsse allen Schwächlichen und Kranken zuteil werden lassen konnte. In den letzten 20 Jahren ist die Beschäftigung mit der Heilgymnastik ein wichtiger Teil der medizinischen Wissenschaft geworden. Dank den bahnbrechenden Leistungen eines Julius Wolff, Hoffa und anderen, ist es gelungen, das leidende Publikum von Jahr zu Jahr mehr von dem Nutzen der Heilgymnastik zu überzeugen. Wie das Kunstturnen und der Sport den gesunden Menschen kräftigen soll, so soll die Heilgymnastik den schwächlichen und kranken Menschen leistungsfähiger und widerstandsfähiger machen. Aber ein großer Unterschied besteht in der Art und Weise der Ausführung der Uebungen. Beim Kunstturnen und Sport arbeitet der Körper aktiv, es gibt keine einzige Uebung, die bei den Leibesübungen dieser Art durch Wirkung von Maschinen und Apparaten erzielt würde. Bei der Heilgymnstik hingegen treten zu den in bestimmter Weise modifizierten aktiven Turnübungen, die außerdem Jedesmal den Bedürfnissen des einzelnen Falles angepaßt werden müssen, die sogenannten passiven Bewegungen. Diese können ausgeführt werden entweder durch eine zweite Person, den Qymnasten, oder eine leblose Maschine. Man unterscheidet demnach eine maschinelle und eine manuelle Gymnastik. Charakteristisch ist, daß diese Uebungen im Gegensatz zu den Kunstturnübungen erleichert oder erschwert werden können. Wir nennen dieses Widerstandsgymnastik und diese kann dem jeweiligen Körperzustand der zu behandelnden Person angepaßt werden. Während Kunstturnen und Sport in ihrer Kombination alle Muskelgruppen nach Möglichkeit gleichzeitig und gleichmäßig übt, ist das bei der Heilgymnastik anders, entsprechend den von ihr verfolgten abweichenden Zwecken. Zwar gibt es auch hier Uebungen, die von den beiden Körper-