Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 9/10 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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188 No. 9-10 und die schwierigen Uebungen am Reck. Der Nutzeffekt des Turnens liegt eben nicht so sehr in der Körperausbildung und der Kräftigung des Körpers, als ganz besonders in der Stärkung der Geistesgegenwart, der Ueberlegung, denn bei schwierigen Uebungen ist ein sehr beträchtliches Maß von Ruhe und Kaltblütigkeit notwendig. Nun gibt es eine Qruppe von Vereinen, welche im Gegensatz zu den Turnvereinen von dem Kunstturnen nicht viel halten, da sie sagen, daß die hier in Betracht kommenden Uebungen eingelernt und deshalb nicht natürlich genug seien. Sie bemängeln am Kunstturnen, daß dessen Betrieb an mehr oder weniger gut ventilierte geschlossene Hallen gebunden ist, daß der erzeugte Staub und die Ausdünstungen vieler schwitzender Menschen ungesund seien. Sie beschränken sich deshalb auf diejenigen Körperübungen, die in der freien Natur ausgeführt werden können, und hier haben wir den unverkennbaren Einfluß des alt-hellenischen Turnens. — Diese Vereine üben den Lauf, den Dauerlauf u. dergl. und dazu kommen noch die Turnspiele, von denen einige erwähnt seien: Das aus England übernommene Cricket, der Fußball, Lawn-Tennis usw. Diese Arten von Qymnastik fassen wir unter dem Namen „Sport" zusammen, und die dem Sport Obliegenden sind zu den Sportvereinen zusammengeschlossen. Wenn es nun auch sicher ist, daß Uebungen in Gottes freier Natur zuträglicher sind, als Uebungen in geschlossenen Räumen, so fragt es sich doch sehr, ob das Einseitige, das der Sport mit sich bringt, das Erstrebenswerte ist. Beim Turnen werden ganz gleichmäßig alle Muskelgruppen geübt und trainiert, die oberen Extremitäten ebenso ausgebildet wie die unteren, z. B. am Reck und dem Barren, ebenso wie auch die gesamte Rumpfmuskulatur. Der Sport besorgt vorzugsweise das Training der Extremitäten, das Laufen und der Fußball das der unteren, Lawn-Tennis, Ballspiel usw. das der oberen, dadurch ist eine einseitige Ausbildung des Körpers gegeben, welche vermieden werden sollte. Ganz außerhalb der Sportbetätigung steht die Ausübung des Ringens, das die Sportvereine nicht betreiben. Dieser Zweig der Gymnastik, der einst im Hellas der geübteste war, wird ebenso wie das Boxen von einer kleineren Gruppe in sog. Ringer- und Boxerschulen geübt. Wenn nun die Beschäftigung mit der Ringer- und Boxerkunst nur von Wenigen geübt wird, so ist es klar, daß diese Zweige des Sports sich allmählich zur Kunst vervollkommenen mußten, und so sehen wir denn oft Ringer und Boxer sich berufsmäßig produzieren. Aber auch Sport- und Kunstturnen kann zur höchsten Vollendung gebracht und dann zu Erwerbszwecken verwandt werden. So werden außerordentlich gut trainierte Turner zu Athleten, die wir im Variete-Theater bewundern. Denn durch eifriges Ueben können Dauer- und Schnelligkeitsleistungen bis zu einer bedeutenden Höhe gesteigert werden. Daß dadurch der Organismus, besonders das Herz und die Lungen, nicht unbeeinflußt bleiben, ist klar. Ich beginne mit dem Einfluß des Turnens auf das Skelettsystem. Der Leser wird wissen, daß die Knochen zusammengehalten werden durch straffe und lose Gelenke. Die Wirbelkörper z. B„ die die Wirbelsäule bilden, haben straffe Gelenkverbindungen, das Kniegelenk hat elastische und lockere Verbindungen. Im jugendlichen Alter ist der die Gelenkflächen über-