Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 9/10 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Mo. 9-10 187 Voll eifrigem Emst sprechen Plato und Aristoteles, Griechenlands größte Philosophen, für die Ausübung der Leibesübungen, die von Verbrechen und Müßiggang, von Sinnenlust und Schwelgerei abzuhalten vermögen, und dadurch die Volkskraft erhalten und vermehren. Das antike Griechenland ist verschwunden und mit ihm seine Gymnastik. Allerdings folgten dem frohen, freien Altertum schwere, wilde und finstere Zeiten. Das Mittelalter, in dem dank der Herrschaft der Pfaffen alles rückwärts ging, in dem jeder Fortschritt, man möchte sagen, mit dem Tode bestraft wurde, brachte einen völligen Stillstand in der Ausübung der Leibesübungen, und nur die ritterlichen Uebungen, das Lanzenstechen u. dergl. wurde von einer kleinen Kaste Bevorzugter gepflegt. Die Masse des Volkes aber wuchs ohne jede Körperkultur auf. So blieb es. bis zum Jahre 1776, in dem Basedow in seiner Dessauer Musterschule, dem Philanthropin, zum ersten Male die Gymnastik als Lehrfach einführte. Von hier aus verpflanzte Salzmann die Gymnastik nach seiner Erziehungsanstalt nach Schnepfenthal und Ubertrug deren Leitung Gutsmuths, der als eigentlicher Begründer der modernen Gymnastik selten muß. Aber wenn auch Gutsmuths besonders in Dänemark mit seiner Methode rasche Fortschritte machte, so blieb doch die Erhebung des Turnens zum allgemeinen Gute des Volkes Jahn vorbehalten. Ich brauche nicht auf diesen Mann und seine großen Verdienste einzugehen, nicht einzugehen auf die großen Schwierigkeiten, die er in der Propagierung seiner Ideen fand, die begründet waren in dem reaktionären Regiment, in dem Preußen während der Regierungszeit des unfähigen Friedrich Wilhelm III. seufzte, begründet in der Kurzsichtigkeit noch unfähigerer Ratgeber. Aber wir wissen ia alle, daß die Ideen Jahns sich siegreich Bahn gebrochen haben, und daß heute in allen Knaben- und fast allen Mädchenschulen nach seiner Methode xeturnt wird. Nachdem ich so kurz die geschichtliche Entwicklung des Turnens gestreift habe muß ich nunmehr den Begriff „Turnen" definieren. Turnen heißt körperliche Ausbildung des gesunden Menschen im Hinblick auf gewisse ästhetische Ziele. Da die Turnübungen nämlich nicht nur dazu dienen sollen, den Körper zu kräftigen und ihn geschmeidig zu machen, sondern auch dazu, einen gewissen Grad von Ordnungsliebe und Eleganz zu erzeugen, so ist zu ihrer Ausführung ein nicht selten beträchtliches Maß von Kunstfertigkeit, das erlernt werden muß, notwendig, und man kann daher mit Recht von unserem heutigen Turnen als Kunstturnen sprechen. Die hier in Betracht kommenden Uebungen sind mannigfach, und man unterscheidet zwei Arten derselben, Freiübungen und Geräteübungen. Die Freiübungen, zu denen ich den Lauf rechnen möchte, bezwecken ein Training des Körpers zu größter Präzision. Stab und Hantel sollen von einer großen Anzahl von Turnern zu gleicher Zeit geführt werden. Beim Geräteturnen kommt mehr die rohe Kraft gepaart mit Gewalt zur Anwendung. Hier sind es besonders die Uebungen am Reck, am Barren, Sturmbock, Rundlauf, Sprungseil, Kletterseil und Leiter. Für besonders wichtig halte ich diejenigen Uebungen, welche eine völlig symmetrische Körperausbildung verlangen und Erziehung zur Geistesgegenwart erzielen wollen. Das Balancieren ist tfne derartige Uebung, ebenso das Klettern