Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1912-09-01 · 9/10 (9.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
9/10 (9.1912)
Date
1912-09-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4921092-5965022-5965347--3398-4922154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 9-10 185 dem Beladenen, der nie die höchsten Weihen empfangen kann, weckt die Sehnsucht nach dem Transzendenten. Sie ist an den Zwiespalt gebunden, der zwischen Kraft und Sehnsucht klafft. Oft werden durch sie die Bilder der Qedichte nnanschaulich, schattenhaft (Wie die Sehnsucht und das Bangen flüchtig, ungreifbar sind, so zerfließen zuweilen die Einzelheiten, das Gegenständliche, und es bleibt nur ein weher, klagender Unterton aus dunkler Heimatferne. Und wieder andere Verse tragen eine dumpfe Schwere in sich, sie sind das Zeichen der Versonnenheit, die den eigentlichen Grundzug der künstlerischen Anlage Zlozistis bildet. Es ist ein Ringender; ein! Fülle vo Qesichten überwältigt ihn, nur sucht er zu ordnen, zu analysieren, zusammenzufassen. So kommt es, daß einzelne seiner Qedichte etwas Zerquältes, Zerkrarhpftes in sich zu tragen scheinen. Aber dieser Anschein wird noch durch ein anderes Moment geweckt. Wenn wir die deutschjüdischen, Dichter betrachten, wie Fulda, Hofmannstal u. a., so finden wir stets eine seltene Gewandtheit und Flüssigkeit der Form. Die Ursache ist einfach. Sie leben nur vom Erlauschten, sie haben sich, weil sie keine eigene Welt besitzen, nur in fremde Welten einzufühlen. Dazu genügt es, sich die Ausdrucksmittel jener Welt geschickt anzueignen. Selbst Heine kann man ja diesen Vorwurf nicht ersparen. Wessen Sehnsucht und Ziel aber, wie bei Zlozisti, so selten rein zur jüdischen Art drängt, der hat zwei Schwierigkeiten zu überwinden: Einmal, welchen Inhalt kann er seinem Schaffen geben? Dieses Problem scheint Zlozisti für sich gelöst zu haben. Wir brauchen kein Pathos, keine Imitation der Propheten, die nur zur inneren Verlogenheit führen würde. Unsere Sehnsucht, unsere still-frohe Resignation bildet den Inhalt des dichterischen Erlebnisses. Nun aber die Form' Hier setzt die Schwierigkeit ein. Der jüdische Dichter deutscher Zunge ist gezwungen, ein nicht adäquates Ausdrucksmittel für seine Schmerzen zu wählen. Ihm gab kein Qott zu sagen, was er leidet, er kann nur in fremden Rhythmen stammelnd seine Weisen sagen. An dieser Diskrepanz krankt die jüdische Lyrik. Bei Jakob Wassermann, der, selbst wenn er es auch nicht wollte, ein Jüdischer Dichter ist, zeigt sich das gleiche Problem. Wer seine Entwicklung verfolgt hat, wird bemerken, daß die Darstellung oft schwer, oft mystisch-schwebend dahingleitet. Widerspruchsvolle Geheimiiisse, verzerrte Bilder ringen miteinander. Oft gewinnt das Ganze erst dadurch einen eigenen, besonderen Reiz. Dabei soll die Schönheit der Sprache nicht angetastet werden. Erst die letzten Werke Wassermanns, die eine Hingabe an das rein Gegenständliche bedeuten, sind auch kristallisiert und plastisch in der Form. Was schon für den epischen Dichter ein beinahe unüberwindliches Hemnis darstellt, tritt beim Lyriker noch lebendiger hervor. Hier, wo Rhythmus, Stimmung und Gedanke inniger denn je miteinander verschmelzen müssen, wird man solche Dissonanzen mehr als sonst erwarten, Ja man wird dort mißtrauisch sein, wo sie fehlen. Sie sind das Zeichen des ehrlich mit sich und den Dingen ringenden Künstlers. Neben diesen Dissonanzen enthalten die Verse Zlozistis oft einen Wechsel, eine Umkehr des Rhythmus, dadurch gewinnen sie bald etwas Bewegtes, Aufrichtendes, bald etwas Zagend-Erstauntes: So in dem Lied von der „Nacht" oder im „Joch des Alltages". Auch diese Umkehr trägt das Kainzetchen des Abgebrochenen, Unfertigen» das alle jüdische Stimmung verzerrt. Und nun ein Letztes! Wessen Seele von der Sehnsucht und einer Idee erfüllt wird,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.