Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 9/10 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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184 No. 9-10 warten, daß wir mit der Zeit auf Abwege geraten. Groß an der Zahl, gering und unfruchtbar in unserem Wirken, würden wir zu einer Organisation ausarten, die, nachdem sie ihre historische Bestimmung vollständig mißverstanden hatte, zu einer der vielen prophylaktischen Institutionen unserer Golusgeschichte geworden ist. Dann würde es auch möglich und natürlich sein, daß wir Verein für Volkshygiene oder am Ende noch Verein für jüdische Orthopädie heißen könnten. * » * Man wird mich vielleicht fragen: Ja, glauben Sie, daß durch eine gemeinschaftliche jüdisch-national klingende Bezeichnung unserer Organisation die gewünschte Reform in unseren Reihen herbeigeführt werden kann? — Nun wohl; ich bin überzeugt, daß ein solcher Name der erste wenn auch äußere Schritt zu einer inneren Umwandlung wäre. Am Tore des Abends.*) Eine Besprechung von Dr. Arnold Kutzinsky-Berlin. Wir alle haben das frohe Wanderlied „Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen, Fegt die Angst aus der Seele heraus", gesungen, wir alle haben eine Stunde des Frohsinns gelebt, ach nur eine kurze Stunde des frohen Selbstbetruges. Denn, täuschen wir uns nicht, seien wir ehrlich gegen uns und andere: in uns lebt das Bangen. Auch wenn wir es tausendmal totgeschlagen haben, stets erwacht es zu neuem Wirken. Ich tadle den Selbstbetrug nicht, er ist Notwendigkeit, er wird uns zum Siege verhelfen. Aber in unserer Seele lebt das Bangen, und unser Schicksal ist, um mit den Worten des Dichters eben jenes Wanderliedes zu sprechen, doch nur: „das andere Ufer". Unser Schicksal ist: sich zu sehnen und sich zu suchen. „Vom Heimweg" nannte Zlozisti seine ersten Gedichte, „Am Tor des Abends" heißt die jüngst erschienene Sammlung. Einst ein Suchender, Tastender, hat er jetzt das Ziel gefunden: Am Tor des Abends, des Friedens. Wir stehen vor den Toren, umsonst begehren wir Einlaß. Wir rufen, um dort nie Erhörung zu finden, wir können ja niemals ernten. So kommt die Ruhe nicht des Besitzes, sondern der Resignation Uber uns. Diese Resignation hat aber nichts mit der der Verzagten gemein, sie ist die Ergebung in das selbst gewählte Schicksal, Ergebung ohne Klagen, die sich in den Worten ausdrückt: „Klag nicht viel, du kommst schon einmal an dein Ziel." Zuweilen trägt diese Ergebung in Zlozistis Liedern mystische Gewänder, sodaß es dem Uneingeweihten schwierig ist, sich einzufühlen. Die Quellen des mystischen Qottsuchens können wir nur ahnend vernehmen, das sind die dunklen Rückerinnerungen des Blutes, die in stillen Stunden geheimnisvoll Leben gewinnen. Das Gedkht „Das letzte Licht" scheint den Schlüssel zum Verständnis zu geben. Die Qual des Gegensatzes zwischen dem Priester, dem jede Mühe zum Trost, jede Not zum Segen wird, und *) Theodor Zlozisti, »Am Tore des Abends«, Berlin W. 15, Jüdischer Verlag. Preis br. M. 1.20, geb. M. 2.-.