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Jüdische Turnzeitung · 1912-09-01 · 9/10 (9.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
9/10 (9.1912)
Date
1912-09-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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NO. 9-10 183 Kraft und nicht das Vermögen, unseren Willen zur Einzeltat anzuspannen, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich Eins zu fühlen mit der Gemeinschaft, die Kraft der Seele, nationalen Willen zu erzeugen und ihn in nationale Taten umzusetzen — ist uns in der Diaspora abhanden gekommen. Das bewußte Streben nach Wiedererlangung dieser synthetischen inneren Persönlichkeit ist es, das uns von den Turnvereinen „mosaischer Konfession" unterscheidet. Und wenn die Realisierung dieser Ziele für unsere Organisation bis nun nur ein piutn desiderium geblieben ist, glaubt man da, daß dies zu erreichen einem „Verein für Volkshygiene" gelingen wird? Meiner Ansicht nach kann diese Wiedererlangung einer synthetischen Persönlichkeit beim Judentum als Volksganzen nur von einem Turnverein erzielt werden, den uns erst die Zukunft bringen wird. Wir Juden sind doch seit jeher ein „lernendes" Volk gewesen. Nun, schauen wir uns einmal die analoge Organisation der slavischen Sokolvereine an und lernen wir. Daß sich die Czechen und Polen in einem harten politischen Kampfe ihre Stammesindividualität vor Untergang und Assimilation wahren konnten, verdanken sie vor allem ihren Sokolvereinen, in deren Ausgestaltung sie allen slavischen Völkern vorangehen. Es wäre überflüssig, an dieser Stelle ausführlich nachweisen zu wollen, daß das, was sich für die Czechen unJ Polen als segensreich erwiesen hat, auch für uns Juden in gewisser Beziehung seine Begründung und Nutzanwendung bei unserer anomalen Lage findet. Es muß aber bemerkt werden, daß nicht die plumpe Nachahmungssucht es ist die uns zwingt, die slavische Sokolorganisation als Musterbild zu betrachten, sondern der primitive Selbsterhaltungstrieb ist in diesem Falle unser Berater. Denn abgesehen davon, daß die meisten slavischen Völker, im Gegensatz zu den Juden, in sprachlich und territorial abgegrenzten» von nationaler Tradition durchtränkten Gebieten leben, sich meistens politischer und durchwegs kultureller Autonomie erfreuen, sind sie fast ausnahmslos von dem natürlichen Willen zur nationalen Tat beseelt. Da wird nicht die eigene Existenzberechtigung, sondern die der umgebenden Völker in Frage gestellt und nicht über die Notwendigkeit nationaler Betätigung, sondern über die Natürlichkeit nationaler Expansion wird diskutiert. Wenn es nun die Slaven für natürlich gefunden haben, ihre Turnvereine üi dem angedeuteten Sinne auszubauen, Ist es dann in Anbetracht unseres allseits bedrohten nationalen Besitzstandes nicht unsere Pflicht, sie darin eifrig nachzuahmen? Aber nicht nur die Pflicht allein. Es ist zugleich das Bewußtsein von der praktischen Zweckmäßigkeit dieser Reform in organisatorischer Hinsicht, das uns mahnt, diesen Weg schnellstens anzubahnen. Denn nur auf diese Weise wird es uns möglich sein, diejenigen Mängel in unserer Organisation zu beseitigen, die wir alle als die größten empfinden: Die Interesselosigkeit nach innen und die Unfruchtbarkeit nach außen. Nur auf diese Weise kann es uns gelingen, die einzelnen Vereine, die vorläufig lose miteinander verbunden sind, die sich nicht nur in der Arbeitsmethode, sondern auch in der Auffassung unserer Hauptaufgaben fast diametral unterscheiden, in eine festgefügte Organisation zu fassen; in eine Organisation, die nicht abseits vom Volke, sondern mitten drin steht. Sollte aber dieses Streben, das jüdische Volk durch die Turnvereine zum nationalen Wollen zu erziehen und es im nationalen Handeln zu leiten, ««cht als Hauptaufgabe unserer Tätigkeit anerkannt werden, so ist zu er-

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