Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 9/10 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9-10 181 ersteren würden in dem die ganze Jüdische Turnerschalt unpassenden Namen ein klares und ausdrucksvolles Programm erblicken, ein Programm, das gleichzeitig kurz und bündig darauf hinweisen würde, daß wir die Idee einer Physischen und geistigen Wiedergeburt des ganzen jüdischen Volkes verfolgen und uns konsequenterweise um ein gemeinsames Banner scharen. Die anderen würde der national klingende Name selbsttätig und a priori an gewisse nationale Pflichten mahnen und sie von Seitenwegen abhalten. Er würde in sich für die vielen Willensschwachen den nationalen kategorischen Imperativ einschließen, würde zu jener Reget werden, von der Kant sagt, daß sie „durch sein Sollen, welches die objektive Nötigung der Handlung ausdrückt, bezeichnet wird und bedeutet, daß, wenn die Vernunft den Willen gänzlich bestimmte, die Handlung unausbleiblich nach dieser Regel geschehen würde." Daß ein solcher kategorischer Imperativ für viele in unserer Mitte zur Notwendigkeit wird, das wissen dielenigen, die über das Problem von der Zerfahrenheit der Jüdischen Willenskraft nachgedacht haben und die Verhältnisse in den jüdischen Turnvereinen halbwegs kennen. Ein jüdischer Turnverein ist ja oft noch ein Stätte, wo sich Juden zufällig zusammengefunden haben, um ungestört durch ein fremdes Milieu ihrem persönlichen Bedürfnis nach physischer Betätigung nachkommen zu können. Nicht dem inneren Trieb, sondern der äußeren Not gehorchend, sind sie jüdische Turner geworden. Es gibt ja heute, nach 10 jähriger Arbeit, Ausnahmen. (Doch woh! recht viele! D. Red.) Meistens (? d. Red.) aber besteht unter den Mit- Kltedern eines und desselben Turnvereines eine solche Divergenz der Anschauungen über die Ziele und Wege unserer Bewegung, daß dadurch nicht nur die Stoßkraft des betreffenden Vereins und somit der ganzen Organisation vollständig gelähmt wird, sondern daß auch die Außenstehenden, die mit uns nur gelegentlich in Berührung kommen, über die Tendenz unserer Bewegung nicht ins Klare gelangen können. Schuld daran tragen natürlich in erster Linie die Vereinsvorstände. Oft wählen sie nämlich in ihrer Aufklärungsarbeit nicht die richtigen Methoden, um diejenigen Elemente, die sich uns nur aus praktischen d. h. sportlich-gymnastischen Qründen anschließen, auch in ideeller Beziehung zu jüdischen Turnern zu erziehen; sie dahin zu bringen, daß ihnen das Turnen nicht zum Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zwecke werde, und daß der Zweck selbst, die nationale Wiedergeburt unseres Volkes, ihr ganzes Wesen, ihr Handeln und Denken auch außerhalb des Turnbodens unzweideutig bestimme. Diese Aufgabe ist freilich nicht so leicht zu erfüllen. Aber es gibt Vereinsleltimgen, die dieses Arbeitsfeld fast vollständig brach liegen lassen und aus taktischen Rücksichten auf Beeinflussung ihrer Mitglieder in nationaler Beziehung verzichten. Da sie befürchten, es könnte eine von offizieller Seite inaugurierte Diskussion das harmonische Zusammenleben der Vereinsmitglleder unmöglich machen, überlassen sie es der Werbekraft nationalbewußter Elemente, die Indifferenten und Andersdenkenden für die nafionaljüdische Idee zu gewinnen. Sie lassen sich dabei von der teilweise richtigen Voraussetzung leiten, daß Ja ohnehin fast jedes Mitglied eines jüdischen Turnvereins gleichzeitig einer politischen Organisation angehört, und somit hinreichend Gelegenheit findet, sich Klarheit in Dingen der Politik und der damit zusammenhänirenden Weltanschauung zu verschaffen.