Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 7/8 (7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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150 No. 7*8 Drill, Uniform, Aufzüge und Paraden mit Fahnen und Musik das Wesentliche bilden. Das Hauptereignis des Jahres ist das Beziehen des Lagers auf dem Lande. Jeden Sommer werden für 8 bis 10 Tage die Lads hinausgeführt, um bei echt militärischem Lagerleben die Probe abzulegen, daß Disziplin, Ordnung und Reinlichkeit auch wirklich vorhanden sind. Es ist in dieser Zeitung des öfteren über das Lagerleben der Lads berichtet worden, so daß ich mir Näheres für heute ersparen kann. Mr. Arthur Solomon, Major und Adjutant des Londoner Regiments, hatte die Liebenswürdigkeit, mich durch verschiedene Londoner Uebungsstätten zu führen. Die Uebungen finden in den einzelnen Kompagnien an ein bis zwei Abenden der Woche statt. Die größte Londoner Kompagnie ist die Free School Company, die in der jüdischen Freischule untergebracht ist und etwa 200 Mitglieder hat. In einem größeren Saale exerziert der Sergeant etwa 20 bis 30 Burschen; er übt Freiübungen: leichte Arm- und Beinübungen, die nach militärischem Muster unzählige Male wiederholt werden. In einem anderen Saale, schon mehr Turnhalle, übt eine andere Abteilung am Barren leichte Aufgaben und so fort bis auf die Kleinsten, die im Hofe der Schule die ersten Griffe am Qewehr „kloppen". Unten in einem Kellergewölbe ist ein Schießstand eingerichtet. Ein Dutzend Jungen ist damit beschäftigt, Oewehre und Scheiben in Ordnung zu bringen. Mit Stolz zeigte mir der Captain der Kompagnie, der uns herumführte, ein Bild mit eigenhändiger Unterschrift des früheren englischen Kriegsministers Lord Haidane, der bei Eröffnung des Schießstandes den ersten Schuß abgegeben hat, ein Beweis, daß die Jewish Lads' Brigade „regierungsfähig" ist. Wir wurden in weitere Klassenzimmer geführt, in welchen die Musikkapellen (Blechmusik, Trommeln und Pfeifen) ihre Uebungen abhielten. Vorführungen beider Gruppen zeigten mir, daß auch hierin Erfreuliches geleistet wird. Wir gingen noch durch andere Kompagnien, überall das gleiche fleißige Arbeiten, eine unendliche Kleinarbeit, die von den Beamten mit größter Liebe geleistet wird. Was mir besonders auffiel, war das Verhalten der Lads selbst. Nirgends ein lautes Wort, mit emsigem Fleiß wurden die Uebungen von allen ausgeführt, von diesen armen Burschen, deren zu Hause Hunger und Elend wartet. Besonderes Gewicht wird bei dem Drill auf das Parademäßige gelegt, es geschieht dies, um den teilweise verwahrlosten Jungen Ordnung und Reinlichkeit beizubringen. Unser Weg zu den verschiedenen Kompagnien führte durch die dunkelsten Teile des Eastends, durch enge Gassen mit kleinen, schmutzigen Häusern. Laden an Laden mit alten Kleidern, Wolle, Kleinkram, davor auf dem Fahrdamm Bude an Bude mit den kleinsten, primitivsten Dingen des täglichen Bedarfes, all das umgeben von armseligen, ein Gemisch von jüdisch, deutsch und englisch sprechenden Juden, deren Leidensgeschichte man in den Gesichtern liest. Ist es da ein Wunder, daß der Engländer mit Verachtung auf diese „aliens", dieses eingewanderte Volk, herabsieht, das jedes Selbstbewußtseins entbehrt und dabei noch unter sich in ständigem Hader lebt. Und ist es da nicht ein großes Werk, das die Jewish Lads' Brigade leistet, indem sie sagt: „The object of the Jewish Lads' Brigade is to instil into the rising generation from its earliest youth habits of aderliness, clean- Uness and honour, so that in learning to respect themselves they will do credit to thefr Community." (Der Gegenstand der J. L. B. ist der, dem auf-