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Jüdische Turnzeitung · 1912-05-01 · 5 (5.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
5 (5.1912)
Date
1912-05-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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92 No. 5 Schließlich offenbart sich eine Fülle von staatsmännischer, politischer, nationaler Begabung auch in den jetzt vorhandenen jüdischen Organisationen und ihrer Leitung. Eine über die Welt zerstreute Qesamtheit von Menschen gleichen Stammes, die ohne Autorität staatlicher Qesetze und zum Teil sogar unter dem offenen oder versteckten Widerstand der Regierungen und der sonstigen Gesellschaft fast lückenlose Organisationen geschaffen hat, die für religiöse und kulturelle, soziale und ökonomische, für politische Bedürfnisse und Fortschritte sorgen, hat den Beweis ihrer nationalen Begabung und Eignung erbracht. Die Liberalen aber suchen uns wieder zu entschlüpfen. Kaum hat man ihnen klar gemacht, daß die jüdische Nation von ihnen nicht hinwegdisputiert werden kann, und daß sie auch nationale Befähigung genug hat, um selbst für sich zu sorgen, da suchen sie aus der Enge ihrer Gedankenwelt heraus noch einmal die Stimme zu erheben und sagen: „Wozu sich Uberhaupt mit Nationaltsmus abgeben, wozu ein kleines Volk durchaus nationalisieren; es kommt die Zeit des Kosmopolitismus, wo alle Völker eins sein werden."*) Ein schlechter Trost für das jüdische Volk! Wenn es wirklich wahr wäre, daß der Sieg des Kosmopolitismus bevorstände, daß mit ihm für absehbare Zeit zu rechnen wäre, so kann man dem jüdischen Volke, das sich in seinen großen Massen auf der Wanderung befindet, das gehetzt wird von Volk zu Volk und von Land zu Land, nicht damit helfen, daß man es auf eine glänzende Zukunft verweist. Die jetzige Generation der Juden verlangt Hilfe, verlangt wenigstens, daß das jüdische Volk seine Pflicht an den Volksgenossen erfüllt und nationale Arbeit zur Befreiung des Volkes tut. Kein Volk der Welt wird seine nationalen Pflichten mit Rücksicht auf den kosmopolitischen Gedanken der Völkerverbrüderung vernachlässigen. Wie kann man da gerade von den Juden, die sich in der größten Not befinden, am meisten von allen Völkern unterdrückt werden, solche Rücksichten verlangen! Viel mehr ist die Annahme begründet, daß selbst der Kosmopolitismus den Juden nichts nützen wird. Wenn sich die Völker verbünden, die jetzt im einzelnen die Juden quälen, zurücksetzen, entrechten, so kann von der Verbindung dieser Kräfte für die Juden auch nichts Gutes erwartet werden. Oerade, wenn man auf die internationale Völkerverbrüderung rechnet, muß man zunächst sein eigenes Volk frei und stark zu machen bestrebt sein. Im internationalen Völkerorganismus werden diejenigen Glieder die größte Bedeutung gewinnen, die am stärksten und mächtigsten in ihn eintreten und deshalb am stärksten und mächtigsten in ihm auftreten. Das Internationale wird niemals eine Zerstörung des Nationalen bedeuten können, sondern nur seine Erhaltung in der Verbindung. Die Beschäftigung mit dem Kosmopolitismus selbst ist aber praktisch ungesund, weil der Kosmopolitismus eine Utopie ist und im Leben eines Volkes nur zu einer „spießbürgerlichen Weichmütigkeit" führt*). Ein vorzügliches Wort hat der frühere deutsche Reichskanzler Fürst Hohenlohe im *) Ooldmann: .Zionismus oder Liberalismus«. Frankfurt a.M. 1911. *) Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe Schillingsfürst. Bd. I, Seite 115.

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