Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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90 No. 5 rung gesehen, wie imposant der nationale Stolz und die nationale Begeisterung mit den Vorkämpfern der heimatlichen Farben sich identifizierten. Wenn die Flagge Amerikas oder Deutschlands, Englands oder Norwegens gehißt wurde, erbrauste e i n Jubelruf im Lande der Sieger. Die Ehre des Einzelnen war stets die Ehre seines Volkes. Wir Juden darbten bisher wie aller nationalen Funktionen auch des nationalen Sportes. Nicht daß wir schwächer und schlechter wären, als die anderen. Im Qegenteil! Auf allen Gebieten gab es Meister unseres Blutes. Doch ihre Leistungen wurden den Völkern zugerechnet, die zuhause die Brüder des Siegers als geduldete und lästige Fremde empfinden. Wir stellen noch heute den Ungarn die hochberühmten Fechter, den Deutschen ihre besten Schwimmer und Rußlands erster Ringer ist ein Jude. Jetzt haben wir den Grundstein des jüdischen Sportes gelegt. Kein Jude wird weiterhin gezwungen sein, seine Kraft in den Dienst Fremder, oft Feindseliger zu stellen. Wir wollen nicht Zwietracht und chauvinistische Propaganda in die sportliche Objektivität tragen. Wir wollen aber unseren jüdischen Sportbeflissenen Halt und Stütze schaffen, eine frohe, kräftige Bruderschaft großziehen, die in friedlichem Wettstreit mit den Sportfreunden anderer Völker, als Gleiche unter Gleichen auf den Kampfplatz tritt. Die nationale Begabung der Juden. Von Dr. Max Kollenscher -Posen. Der Streit darüber, ob es eine jüdische Nation, ein jüdisches Volk gibt, sollte eigentlich schon aufgehört haben. Die Wissenschaft hat das bestätigt, was wir empfunden und gewußt haben. Auch die „liberalen" Juden haben mit den alten Oberflächlichkeiten aufgehört, uns das Fehlen einer gemeinsamen Sprache und eines Territoriums vorzuhalten. Aber jetzt wird neu verkündet, es fehlte der Wille zur Nation und die Eignung zu nationalem Leben. Der Wille zur Nation wird allerdings erforderlich sein. Auf die Eignung zum nationalen Leben dagegen wird es kaum ankommen. Denn sind die Voraussetzungen für eine Nation einmal vorhanden und besteht die Nation, so ist die Eignung vielleicht wesentlich, wenn man eine Voraussage für den ferneren Bestand der Nation für alle Zukunft machen will, nicht aber, wenn man die vorhandene Situation prüft. Allein, wie dem auch sei, wir können uns beide Fragen gefallen lassen, denn wir brauchen um die Beantwortung nicht verlegen zu sein. Der Wille, ein Volk zu sein, ist vorhanden, Millionen der Juden des Ostens haben noch niemals den geringsten Zweifel daran gehegt, daß sie dem jüdischen Volke angehören und ihrer Nationalität nach nur jüdisch sind. Was bis zur Emanzipation auch in Westeuropa selbstverständlich war, daß die Juden der jüdischen Nationalität angehören, und was bis dahin auch in Westeuropa von der Gesetzgebung anerkannt, von den Juden gewollt und von den Christen gebilligt war, das ist in den Ländern des Ostens bis heute so geblieben. Der Wille zur Nation bekundet sich, abgesehen von der Sprache und der Kultur, auch politisch. Bei den Kämpfen um die russische Duma und in ihr spielt die jüdische Nationalität die Rolle, bei den öster-