Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 2/3 (2.1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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32 No. 2/3 Vom Türkenkrieg. Beobachtungen eines Turnbruders. Die Italiener lassen niemanden Tripolis passieren. Wer also nun einmal, wie der Schreiber dieser Zeilen, Sympathie für die Türken hat und zu ihnen will, der muß den Umweg über Tunis machen. Reisen und Reisen ist bekanntlich ein großer Unterschied. Wenn man sich Zeit läßt und sein Zelt und ein Feldbett neben anderem .Kömfort mit sich führt und sich in Gesellschaft befindet, dann kann man natürlich sehr gemütlich zu Werke gehen. Wer aber allein mit einem Araber als Begleiter durch die Wüstengegenden iu Südtunesien und Tripolitanieu zieht, der muß sich nach den gebräuchlichen Tagestouren richten. Dabei bereute ich immer, daß ich in den letzten Jahren den Sport und das Turnen vernachlässigt hatte. Es war geradezu staunenswert, wie die Araber ohne jede Unterbrechung 10 Stunden hinter einem Kamel oder Pferd dreinliefen, um dann nach kurzer Rast dieselbe Strecke zurückzulaufen. Dabei ist an ihrer Gestalt auffällig, daß ihre Beinmuskulatur absolut nicht fleischig ist, im Gegenteil, der Wadenumfang ist nach unseren Begriffen sogar schlecht entwickelt. Allerdings fühlen sich die Muskeln so hart wie Stein an. Auch die Genügsamkeit im Essen und Trinken ist bewundernswert. Ich habe viel in den Hürden der Araber übernachtet und deren Lebensweise zwanglos beobachtet. In der Frühe nimmt der Flirte meist überhaupt nichts zu sich. Im übrigen ernährt er sich von etwas Brot und Datteln. Außerdem hat er Eier, sehr selten Fleisch. Wenn er sich etwas gönnen will, trinkt er Tee. l.agbi, ein ganz leichter, alkoholhaltiger Dattelsaft, der trefflich mundet, wird wohl aus religiösen Gründen nicht viel hergestellt. Die Abhärtung der Beduinen ist erstaunlich. Ein Rupfen, wie wir ihn zu den Säcken benutzen, bildet seine ganze Kleidung. Hemd, Strümpfe kennt er nicht. Nachts liegt er ohne weitere Decken im Freien. Ich mußte immer an meinen engeren Landsmann, den Münchener Winkler, denken. Winkler, der zum erstenmal eine der berüchtigsten Spitzen der Alpen mit 20 Jahren erklommen (der Berg trägt auch den Namen Winklerturm), benutzte nie die Treppe seines väterlichen Hauses. Sein Weg gin« an der Dachrinne empor. Und als Schlafzimmer diente ihm der leere Speicher, wo er Sommer wie Winter am Boden mit einer leichten Decke schlief. Aber die Großstadt'verwöhnt uns. Wenn man sich etwas abhärten will, läuft man Qefahr, als verrückt zu gelten, während der Spießbürger, der infolge Mangel an Bewegung und zu reichlichem Alkoholgemiß einen sogenannten Bierbauch besitzt, nicht der Verachtung anheimfällt. Wer aber wieklich einmal größere Strapazen aushalten will, der muß schon in Friedenszeiten gerüstet sein. Und ich bin fest davon überzeugt, daß der Ingenieur Richter aus den Zeißwerken in Jena nur deshalb so gut die Gefangenschaft Uberstand, weil er sich vorher famos trainiert hatte. Man hatte über ihn gelacht, wenn er, um das Theater in Weimar zu besuchen, die 22 Klometer hin und zurück zu Fuß zurücklegte. Wozu gab es denn eine Eisenbahn? Mir wurde bei meinen Fahrten in Tripolitanien wieder so recht klar, daß die Grundbedingung zu allen Reisen, die sich nicht im Rahmen der bekannten Gesellschafts- und Vergnügungsreisen abspielen, eine gehörige körperliche Ausbildung ist. Gewiß geht ohne diese auch vieles. Ich bin aber auf Grund vieler Erlebnisse der Ueberzeugung, daß mannigfache Erkrankungen nur in dem zu übermüdeten Körper auftreten konnten. Gerade de vielen Erkältungen, Diätfehler usw. schließen sich an Leistungen an, denen der Körper nicht gewachsen ist. Die Araber z. B. hatten im Kriege fast keinen Kranken aufzuweisen; von den regulären türkischen Truppen gab es immerhin vielleicht