Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 2/3 (2.1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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28 No. 2/3 und viele andere Berufsklassen — führt eine sitzende Lebensart, die die schöne aufrechte Körperhaltung verdirbt, den runden Rücken, die Biegung der Wirbelsäule verursacht; die natürliche Haltung kann man nur durch eine weitgehende Kräftigung der Streckmuskeln des Rückens und des Nackens wiedergewinnen; demgemäß muß auch die neuzeitliche Turnkunst, um ihrer Aufgabe gewachsen zu sein, einen hervorragend orthopädischen Charakter aufweisen — und eben diese Eigenschaft der schwedischen Turnkunst, die von manchen verständnislosen deutschen Turnlehrern am meisten verhöhnt wurde, gehört sicherlich zu den stärksten Seiten des schwedischen Systems; wir müssen jedoch danach streben, die Einförmigkeit der schwedischen Turnstunde mit der Munterkeit der deutschen Gymnastik zu vereinen; das Mittel selbst muß lockend und anziehend, unterhaltend und erfrischend wirken. — Die harmonische Einheit des Nützlichen und Vorteilhaften beider obenerwähnter Systeme schafft uns ein herrliches Muster einer regelrechten Muskel- und Nervengymnastik; aber auch ein so ausgebildetes System würde eine Schattenseite haben; es wäre fast nur orthopädisch aber nicht umfassend hygienisch im neuzeitlichen Sinne, das Herz, der Blutkreislauf, die Atmung würde unbeeinflußt bleiben; es würde ihm die geregelte Pflege der Schnelligkeits- und Dauerübungen unbedingt fehlen; ein einwandfreies System erreichen wir erst durch die Einschaltung der Spiele im Freien in unsere Turnstunde. In Deutschland wurde der segensreiche Einfluß der noch durch Quts Muths eingeführten, durch die Spießsche Richtung verdrängten, volkstümlichen Spiele unter Englands Einfluß im letzten Dezennium vollkommen anerkannt; die Spiele jedoch müssen „turnerisch" und nicht sportmäßig betrieben werden; unser Ziel kann unmöglich eine Höchstleistung auf diesem oder jenem Qebiete, sondern vielmehr der höchste Qrad der Gesundheit sein; fast in allen Wettspielen wird die äußerste Qrenze unserer Leistungsfähigkeit leichtfertig überschritten; statt der erhofften segensreichen Wirkung erscheinen die Symptome einer Herz-, Nerven- oder Lungenkrankheit. Der Reiz der S p o r t ü b u n g e n für jung und alt ist jedoch so groß, daß man es bis nun noch nicht gewagt hat, einen offenen Kampf mit dieser schädlichen Strömung zu beginnen; es bleibt also die Aufgabe der nächsten Jahre, die erworbenen Erfahrungen praktisch auszunützen, den unsere Gesundheit beeinträchtigenden Sport aus dem Gebiete der physischen Erziehung auszuschließen. (Verf. kann wohl nur die Auswüchse des Sportes meinen I D. Red.) — Der Körperbau eines Juden unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Körperbau anderer Nationen, die Maßregeln, die von jenen getroffen werden, um der Degeneration vorzubeugen, können auch von uns ohne Gewissensbisse angewendet werden; es klingt komisch, auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, zu denen auch das der physischen Erziehung gehört, von nationalen Eigenschaften grundsätzlich zu sprechen, es klingt, als ob man behauptete: Zeppelins Luftschiff entspräche in dem Maße der Eigenart des deutschen Volkes, in welchem Bleriots Aeroplan der Eigenart des französischen entspricht. — Eine Errungenschaft des menschlichen Geistes ist eine Jede Wissenschaft — sie wird auch daher zum Gesamteigentum der ganzen