Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1912-02-01 · 2/3 (2.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
2/3 (2.1912)
Date
1912-02-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4921092-5965022-5965338--3213-4921974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 2/3 27 Selbsterhaltungstrieb rief das Streben hervor, den künstlichen Zuständen wieder abzuhelfen — die ehemaligen natürlichen Körperbewegungen durch die neuzeitlichen gymnastischen Systeme zu ersetzen. — In seinem Referate über die nationalen Aufgaben des jüdischen Vorturners warf schon im Jahre 1908 Herr Julius Berger die Frage auf, ob die Art des Turnens in unseren Vereinen der jüdischen Veranlagung entspricht; man soll die körperlichen und seelischen Eigenarten des jüdischen Stammes genau studieren — so hieß es in seinem Referate —, um auf Grund so erworbener Kenntnisse ein spezifisch-jüdisches System aufbauen zu können. Wenn es anderen Nationen gelungen ist, originell aufzutreten, wenn die Deutschen, die Schweden, die Engländer eine, eigene Methode auf dem Gebiete der physischen Erziehung auszubilden vermochten, müssen auch wir Juden danach streben, die Leibesübungen auf einer rein jüdischen Basis selbständig zu gestalten. Die Turnkurist ist eine Erfahrungswissenschaft; die ersten Forschungen auf dem Gebiete, die in Deutschland durch Guts Muths ausgeführt wurden, gehen vornehmlich von den natürlichen Grundformen körperlicher ßewegung des Menschen aus: vom Laufen, Klettern, Springen, Schwimmen, Heben, Tragen, Ziehen usw. Diese Uebungen reimten sich nicht mit der schäumenden Lebensfreude, mit dem angeborenen Streben nach vorwärts, nach einem stetigen Wechsel der Eindrücke; sie waren im großen und ganzen etwas zu einförmig. Der Mangel an Reiz und Mannigfaltigkeit wurde durch Jahn, Pestalozzi und Spieß aufgehoben: Der erste brachte die künstlichen Geräte in Verwendung — Reck und Barren erschienen auf dem Turnplatze —, Pestalozzi und Spieß stellten sich zur Aufgabe, die zahllosen Bewegungsmöglichkeiten des Körpers zu erschöpfen. — Dieses Streben hatte doch eine Schattenseite; im eifrigen Suchen nach einem passenden Mittel verlor man das Ziel selbst aus den Augen; niemand fragte nach der gesundheitlichen Bedeutung dieser oder jener Uebungsform — jede mögliche Uebung war auch berechtigt; da fanden sich viele für die Körperentwicklung direkt schädliche Bewegungsformen — viele waren ganz belanglos; zu den letzteren gehören in großem Maße die durch Spieß eingeführten Reigen und Ordnungsübungen. Die zwei wichtigsten Geräte des deutschen Turnens wurden mißbraucht: die Stutzstellung am Reck führte zu einer gesundheitlich schädlichen, Unästhetischen Körperhaltung; die unzweckmäßigen und übertriebenen Uebungen im Stütz am Barren ha^en die Ueberlastung des Schultergürtels zur Folge. Per Hendrik Ling ist der Schöpfer einer neuen, gesünderen Strömung auf dem Gebiete der physischen Erziehung. Der Begründer der schwedischen Gymnastik führte von Anbeginn als deren grundlegendes Prinzip den Uebungszweck jeder Uebung ein: jedes Turnen, sei es (las freie oder das Gerätturnen, kann nur als Mittel betrachtet, als Werkzeug behandelt werden; das Turnsystem soll nicht nach den Bewegungsmögllchkeiten des menschlichen Körpers, sondern der gesundheitlichen Wirkung gemäß aufgebaut werden — nicht nur die Arm- und Schultermuskeln, wie es in der deutschen Gymnastik unbewußt angewandt wurde, sondern die gesamte Körpermuskulatur muß gestärkt und gestählt werden; der bei weitem größte Teil unserer Gesellschaft — nicht nur die geistig Arbeitenden, sondern auch die Schuster, Schneider, Uhrmacher, Juweliere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.