Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 1 (1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 No. 1 bei man hier unter erotisch nicht an die einfachsten Definitionen denken darf), lassen sie mehr oder minder das Subjekt der Ehe bestimmen. Also zwischen den beiden Polen schwankt der Charakter der Ehe. Konvention oder Liebe, Kaufehe, wirtschaftliche Sicherstellung der Nachkommenschaft und der Interessen der Frau, aufsteigende, gemeinsame mate- ~~Helle Lage der Ehegatten sind die Stigmata der einen Ehe, der heutigen Form in der jüdischen Gesellschaft. Ich möchte nun behaupten, daß auch der moderne Jude bereits fühlt, daß Liebe nicht nur ein Irrtum, welcher weit verbreitet und manchen Jüngling irreleitet, ist, sondern ein Gefühl, dem man instinktiv folgen muß. Deshalb gibt es doch viele, die sogar Mesalliancen mit Christinnen schließen, besonders bei mangelndem nationalen Gefühl, bei zu geringer Selbstbeherrschung. Die christliche Bevölkerung, die von jeher ihre Ehen zwischen den Polen -- Liebe, Naturalismus — sich bewegen ließ (reiche Bauern heirateten nur wieder reiche Bäuerinnen, Fürsten und Adlige nur wieder die Töchter gleicher Stände), drängt die vom Volk so viel bewunderte Liebesheirat zurück und richtet sich mehr nach dem wirtschaftlichen Moment. Solange der Kapitalismus in der heutigen Form herrscht, wird es auch nicht viel anders werden. Es würde mich zu weit führen, auf alle diese Beziehungen des Kapitalismus zur Ehe und zur wirtschaftlichen Sicherheit oder Existenz der Kaufleute und Akademiker einzugehen. Ich glaube nach dem Gegebenen auf die Reformvorschläge des Herrn Dr. Eisenstadt nicht weiter eingehen zu müssen*). Dr. Eisenstadt gibt uns in seinen Arbeiten wertvolle Anregungen, aber er huscht an den Problemen vorbei, ohne ihr Wesen zu verstehen. Wer meinen Gedankengang verfolgt, die Erklärungen versteht, daß die heutige jüdische Ehe ein wirtschaftliches Problem ist, aber auch der, welcher diese Auswüchse der aentlemensmoral bekämpft, wer ein vertieftes Verantwortlichkeitsgefühl hat, wer der Liebe ein Recht auf die Ehe einräumen will, der wird nie und nimmer glauben können, daß Siebenzehnjährige reif für eine solche Entscheidung sind. Eisenstadt fragt nicht danach. Er will aus der Ehe eine Zuchtanstalt machen, und dazu ist natürlich die Frühehe am besten geeignet. Er fragt nicht nach dem Sinn, nach den heutigen Grundpfeilern der Ehe. Was ist der Sinn der Ehe? Tolstoi hat als Greis nur die Erreichung' eines gesunden Nachwuchses hingestellt, Eisenstadt wird sicher ähnlich denken. Wenigstens schreibt er so. Nun, für viele moderne Menschen gibt es noch andere Zwecke, viele sehen einen anderen Sinn in dem Jahrzehnte dauernden Zusammenleben von Mann und Frau. Ich komme zum Schluß. Die Unsicherheit, in der ganz besonders der Kaufmann und der freie Akademiker, in der Zeit des Kapitalismus leben, ist ein Vorschub, die Ehe von wirtschaftlichen Momenten abhängig zu machen. Ihrem Wesen nach ist es unsinnig, in unserer Zeit allen Menschen die Möglichkeit nehmen zu wollen, als reife, denkende Persönlichkeiten zu wfihlen. Denn trotz der großen Zahl der konventionellen jüdischen Ehen gibt es doch eine Reihe von Bündnissen, die die schönsten Erlebnisse des Lebens bedeuten. Und selbst manche, die in der Ehe keine Liebe finden (und die Ehe *> Vergl. Jahrg. XII, S. 46 ff.