Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1912-01-01 · 1 (1.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
1 (1.1912)
Date
1912-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4921092-5965022-5965337--3184-4921946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 1 3 So tut sich die Stellungnahme der Religion auf Qrundlagen unserer sexuellen Ethik in widerspruchsvollster Weise dar. Denn mir scheint z. B. die Polygamie eine Form zu sein, die den sexuellen Beziehungen einen Stempel aufdrücken will, der ganz unseren heutigen europäischen Anschauungen widerspricht Die Frauenemanzipation ist die stärkste Bewegung gegen jede polygamische Entwicklungstendenz. Wenn das Fühlen jüdischer Massen so eine religiös noch lokal anerkannte Lebensform zu verwerfen beginnt, so bezeugt das am besten, daß es auch eine Volksethik gibt. Damit will ich nicht sagen, daß das Volk allein auf Qrund von Volkssitten gelebt habe. Vielmehr stand gerade das religiöse Machtwort von der goldenen Notwendigkeit der Fruchtbarkeit, das biblische Qebot den alten Juden stets vor Augen. Und so versuchte man im Qhetto nach Unter» bindung der Polygamie, die wohl dem semitischen Charakter und der Sexualveranlagung nicht unangenehm war, die starke Fortpflanzung durch ein anderes Mittel, die FrOhehe, zu erreichen. Auch der frühen Reife der südländischen Rasse wurde durch die Frühehe Rechnung getragen. Es läßt sich wohl schwer nachweisen, ob die von den Juden im 11. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland akzeptierte Verwerfung der Jahrtausende hindurch bestandenen Polygamie bedingt war durch eine innerliche Wandlung der sexuellen Vorstellungen. Ich neige auf Qrund meiner Kenntnisse der Qeschichte dazu, daß das Beispiel der christlichen Welt und der von dieser Seite ausgeübte Druck zur Annahme dieses Ehesystems führte. Wir müssen uns vor Augen halten, daß damals die Erotik eine große Rolle in dem Kulturleben der nordländischen Völker spielte. Ich weiß nicht, wie man ohne dies z. B. die Minnesänger und Troubadours verstehen kann. Ganz schwächliche Anklänge finden wir auch bei Jüdischen Dichtern, die natürlich sich dem Einfluß der zeitgenössischen Literatur nicht entziehen können. Im übrigen ist die Judenheit unsäglich arm an der Verherrlichung der Liebe. Die paar kleinen Episoden aus der Bibel können nicht gegen die Literatur der Griechen und Römer aufkommen, die, von Horner angefangen, den ewigen Kampf der Geschlechter schildert. Man vergleiche damit die Themen der dichtenden Propheten, und man wird mir Recht geben müssen, daß eine fremde Welt, die übrigens In der hebräischen Literatur des Mittelalters ein interessantes Pendant aufweist, sich auftut. Zur Vervollständigung der Differenzierung möchte ich auch noch darauf hinweisen, daß auch die moderne deutsche, ja ich glaube fast sagen zu können, die europäische Literatur nicht viel mehr als eine Verherrlichung der Wechselbeziehungen zwischen Mann und Weib ist, Schiller und Ooethe erschien es als der höchste Begriff des Lebens, die Liebe auszumalen. Ich neige der Ansicht zu, daß die stets von den Juden inaugurierte Betonung der sozialen und sonstigen gemeinsamen ethischen Probleme dem Thema der Darstellung des Gottes Amor und Psyche vorzuziehen ist. Unter Liebe versteht dabei der Arier fast nie den Oedanken an die Nachkommenschaft. Und es ist sicher zuletzt der Qedanke an das Kind, an die Nachkommenschaft, welches z. B. junge unvermählte Sänger des Mittelalters beseelte, für die Dame ihres Herzens (die Frau eines Ritters) die größten Wagnisse zu unternehmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.