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Jüdische Turnzeitung · 1912-01-01 · 1 (1.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
1 (1.1912)
Date
1912-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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No. 1 Jüdische Volkshygiene. Dr. Felix A. Theilhaber-Berlin. III. In meinen ersten Abhandlungen*) habe ich noch wenig Bezug auf die Sexualhygiene genommen. Dieses Thema gehört sicher vor unser Forum, da doch die Wechselbeziehungen zwischen dem sexuellen Leben der Völker und ihrer Gesundheit, körperlicher und geistiger Tüchtigkeit immer klarer zutage treten. Und aus falscher Scham Fragen nicht zu erörtern, die von der einschneidensten Bedeutung sind, weil diese Fragen ein bestimmtes Gebiet berühren, dazu kann ich mich nicht verstehen. Erst das pharisäische liberale Judentum hat vom Zentrum die Methode der Bibelreinigung abgeguckt und krampfhaft alle unsittlichen Stellen ausgemerzt. Jahrtausendelang hat die Jugend des jüdischen Volkes jedes Wort, jeden Satz unserer Schrift genau kennen gelernt und ist nicht davon korrumpiert. Erst unsere großen Rabbiner und Gemeindekönige haben die jüdische Jugend, die die hebräische Schrift doch nicht versteht, durch Reinigung der Bibel vor dem Schaden der Sittlichkeit oder vor einein AeTgernis der Eltern an gewissen „unmoralischen" Dingen aus der Vorzeit bewahrt. Diese Rettung der Moral findet aber doch nicht so ganz statt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß gewisse Verhältnisse gehöriger Reformen bedürfen, wenn das Wohl des Volkes nicht Schaden leiden soll. Aber die berufenen Führer der Juden halten immer Vorträge über die jüdische Sittlichkeit, wobei sie wie die Generale der preußischen Armee im Jahre 1806, wohl nur deshalb von dem glänzenden Stand der Dinge überzeugt sind, weil ihnen, ihre Phantasie das Fortbestehen alter Zustände vorspiegelt. Wenn die Sache nicht so bitter ernst gewesen wäre, hätte ich lachen können, als mir ein berühmter Berliner Rabbiner jüngst in einer Versammlung zurief, die Juden bestünden so lange, als ihre drei Tugenden, wie der Talmud sagt, sie vor den anderen Völkern hervorhebt. Die eine hiervon ist ihre exzeptionelle Sittlichkeit. Dabei soll der Talmud hier die „sexuelle" Sittlichkeit meinen. Die Frage, was sexuelle Sittlichkeit ist, ist nicht so einfach zu beantworten, und wenn ich doch das Problem aufgreife, so treibt mich hierzu der Umstand, daß in praxi alle Menschen sich eingehend mit diesen Dingen befassen. Ganz einwandfrei ist die Stellungnahme der jüdischen Religion zur Frage nicht. Denn man könnte voraussetzen, daß das, was im Osten sittlich ist, auch im Westen als religiös moralisch gilt. Da erkennen wir, daß schon die Monogamie nicht klar durch das Sittengesetz der Juden geboten ist. Bekanntlich gibt es für die orientalischen Juden kein Verbot der Vielweiberei, wie es ja auch Juden mit Harems dortselbst, wenn auch vereinzelt, gibt. Theoretisch steht es aber jedem frei, nach Belieben sich mit Ehegattinnen zu versehen. Auch die Methode der Eheschließung und Ehescheidung zeigt weitgehende Differenzen. Die ursprünglich jüdischen Sitten entsprechen z. B. den Anschauungen der deutschen Juden und Rabbiner keineswegs. *> Vergl. Jahrg. XII, Seite 135 ff. u. 188 ff.

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