Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 12 (12.1903)
- Date
- 1903-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 221 abgesehen von einer Reihe von Übertreibungen und vor allem der tendenziösen Heiligsprechung des Trainings und Wettkampfes doch manches treffliche Wort enthält, so dass seine Wiedergabe angebracht erscheint. Besonders dürfte er unsere älteren Leser interessieren, die sich gewiss noch des Anfang vorigen Jahres in den Spalten der Jüdischen Turnzeitung ausgefochtenen Kampfes für und wider das Wettturnen erinnern werden. Wir geben nunmehr dem Verfasser das Wort: „Vor kurzem brachte der „Simplizissimus" auf dem Titelblatte das Bild eines Ruderers mit wenig geistreichem Gesichtsausdrucke im Renneiner. Darunter stand geschrieben: „Wenn man statt in Wasser in Tinte rudern könnte, dann würde der Sport in Deutschland grössere Verbreitung finden." Mit diesen Worten ist in ausserordentlicher Weise die Beziehung des Sports zur deutschen Intelligenz gekennzeichnet worden: trotzdem schon lange ein erfrischender Wind aus England in die deutsche Stubenhockerei webt, trotz kaiserlicher Huld und fast verzweifelter Anstrengungen mancher Akademiker, müssen wir uns gestehen, dass das Volk der Denker und Dichter den Geist der harten und doch so erfrischenden und vergnüglichen Körperarbeit noch immer nicht ganz erfasst hat. „Libenter didicisse artes emollit mores nec sinit esse feros!" Dies Zitat könnte man modern übersetzen: „Der preisgekrönte Doktor wird nie einen Rekord schaffen." Schäferspiele, wie Lawn-Tennis*), oder Radfahrten mit Feinsliebchen zum Garten vor dem Tore schliesse ich von meiner Betrachtung aus. Der grosse Sport ist ein Wettkampf zur Erzielung von Höchstleistungen, wie ihn bereits das klassische Volk der Griechen mit seinem hehren Kunstsinne betrieben hat. Körperliche Poesie war es, die in Olympia neben Gesang und Dichtung sich zeigte, das Gymnasium war eine Stätte des „Nackten"; heute ist es leider nur eine Turnanstalt des Geistes, wo die ersten in den Bänken immer noch durch unverständige Ärzte vom Turnen *) Oer Verfasser geht hier etwas zu weit. Er unterschätzt das Lawn-Tennis ganz ausserordentlich. Wohl gibt es viele, die das Lawn-Tennis nicht ernst betreiben, aber dieses jetzt auch in Deutschland so stark verbreitete Spiel ist ein vollwertiger Sport, der, wenn er kunstgerecht betrieben wird, alle körperlichen und geistigen Kräfte des Spielers in Anspruch nimmt. Auf welcher Höhe das Lawn-Tennis als Sport steht, lässt u. a, die Tatsache erkennen, dass zur Zeit kein deutscher Spieler in England als erstklassig gelten würde, und an guten Spielern fehlt es bei uns bekanntlich nicht. (Anm. der Redaktion von „Sport im Bild.«)