Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 12 (12.1903)
- Date
- 1903-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 213 Das Schulturnen soll den jugendlichen Körper gewandt, ausdauernd und kräftig machen. Nie soll es militärische Zwecke mit dem übertriebenen Drill verfolgen oder in Soldatenspielerei ausarten, wie sie in Berlin in Form der Jugendwehr, in Frankreich als Schülerbataillone, in der Schweiz als Jugendbataillone in Blüte steht. Damit soll nicht gesagt werden, dass diese Einrichtungen für Knaben, die in ihrem Vaterlande eines geregelten Schulturnens nicht teilhaftig werden können, nicht von Wert sind. Als Aushilfsmittel mögen sie ihre Geltung haben. Aber sicher ist, dass durch das Uniformtragen jugendlicher Dünkel und Grossmannssucht gezüchtet werden. Ich kann da mit einer Episode aufwarten, die für den Geist eines nicht geringen Teiles der Uniformbübchen bezeichnend ist. Ein Geschäftsinhaber macht seinem Lehrling wegen eines Vergehens Vorwürfe. Da wirft sich das Kerlchen in die Brust und sagt mit der Miene des Beleidigten: „Entschuldigen Sie, ich bin Unteroffizier der Jugendwehr". In turnerischen Kreisen ist man über die militärischen Einrichtungen für die Jugend wohl einer Ansicht, die in der Verurteilung gipfelt. Ich will nur auf das Urteil Eulers, Lions, Wassmannsdorffs hinweisen. Nach der anderen Seite hin darf das Schulturnen auch nicht in das Vereins- und Gipfelturnen ausarten, es muss sich vielmehr an die Klassenziele halten, die der körperlichen Entwickelung der Jugend entsprechen. Die Turnkunst darf hier nicht in Kunstturnen ausarten. Durch Überanstrengung des jugendlichen Organismus kann eher geschadet als genutzt werden*). Das Schulturnen darf ferner nicht zur Orthopädie werden; es soll wohl Krankheiten durch allgemeine Kräftigung des Organismus vorbeugen, aber nicht heilen. Als eine glückliche Institution neuerer Zeit sind die Schulärzte zu begrüssen, die Hand in Hand mit den Turnlehrern manches Erspriessliche werden leisten können. Doch gerade in turnerischen Fragen werden sie meist übergangen, ein Übelstand, dem in letzter Zeit mehrfach Ausdruck gegeben wurde. Das Vereinsturnen soll dem Alter der Teilnehmer entsprechend einen freieren Betrieb aufweisen. Da es Sache aller Stände ist, darf in Turnvereinen keine Sonderung nach Ständen Platz greifen; darum sind die akademischen Turnvereine ebenso zu missbilligen wie die Turnvereine der Lithographen, Buchhändler *) Eine scharfe Scheidung zwischen .Vereins- und Schulturnen Irat erst in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein. Als 1848 das Vereinsleben grössere Freiheit erhielt, entstanden vielfach Turnvereine, z. B. als ältester Turnverein Berlins die »Berliner Turngemeinde".