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Jüdische Turnzeitung · 1903-11-01 · 11 (11.1903) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
4 (1903)
Issue
11 (11.1903)
Date
1903-11-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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No. 11 193 Nachdem der Festplatz erreicht war begann sofort das allgemeine Turnen mit den von 8000 Mann in ganz vortrefflicher Weise ausgeführten Stabübungen. Über diese wie über alle anderen schier endlosen turnerischen Veranstaltungen wird an anderer Stelle noch berichtet werden. Eine Sondervorstellung löste die andere ab, so dass das Zusehen eine mindestens ebenso grosse Strapaze wurde, als das Mitturnen. Am Abende fanden sich die einzelnen Kreise, Gaue oder Landsmannschaften in ihren Standquartieren in den zahlreichen Restaurants auf dem Festplatze oder auch in der Stadt zusammen. Trotz des schlechten Wetters herrschte eine sehr fröhliche Stimmung. Nirgends ein Misston. Nichts kann mehr die in der Turnerei liegende einigende Macht besser beweisen, als der Zusammenhalt dieser Scharen, die in ihrer Gesamtheit ein ebenso lebensvolles, als selbstbewusstes nationales Ganze darstellten. Zu einem besonderen Feste hatte der antisemitische XV. Turnkreis (Deutsch-Oesterreich) eingeladen. Im Herkules-Velodrom, der zum rein germanischen Herkules-Saalbau umgetauft worden war, fanden sich ungefähr 4000 Turner ein. Ausser den Gastgebern waren zahlreiche Mitglieder anderer Turnkreise zugegen. Neben vielen Akademikern, ich nenne z. B. Professor Herrmann, waren auch andere Berliner Turner, wie Wagenknecht und Buchholz vom Ausschusse der Berliner Turnerschaft und Andere anwesend. Die Festrede hielt der Obmann-Stellvertreter, Redakteur Kiesslich-Prag, bekannt als einer der eifrigsten Vorkämpfer der rein arischen Bewegung in Österreich und ebenso bekannt durch seine heftigen Fehden mit dem Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, Dr. Goetz. Unter dem fast stürmischen Beifall des dichtgelüllten Zuhörerraumes wies er darauf hin, dass die österreichischen Turner nicht nur im Slaventume ihren Gegner sehen, sondern auch im Semitismus. Er führte ferner aus, dass die bösen Juden die armen Oesterreicher nicht nur wirtschaftlich ruinierten, sondern dass sie auch politisch immer mit den Stärkeren gingen. Beweise hierfür zu erbringen hielt er selbstverständlich nicht für nötig. Seine Zuhörer haben auch keine von ihm verlangt. Der nach ihm mit ebenso grosser Rührung als Begeisterung sprechende alte Herr aus dem XIII. Turnkreise (Württemberg) erklärte Wort für Wort von dem unterschreiben zu wollen, was Kiesslich gesagt hatte. Die scharfe Spannung zwischen dem Ausschusse der Deutschen Turnerschaft und den Kreisvertretem klang oftmals aus den Reden heraus.

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